Pfad 5: Sinnvolle Arbeit finden

Beruf und Ethik verbinden

Mit Rechter Rede und Rechtem Handeln haben wir zwei wichtige Aspekte des ethischen Verhaltens erkundet. Nun schließen wir diesen Bereich mit dem dritten und letzten Aspekt ab: Rechter Lebenserwerb (Sammā Ājīva). Während die vorherigen beiden Glieder sich auf einzelne Handlungen bezogen, geht es hier um eine grundlegendere Frage: Wie verdienen wir unseren Lebensunterhalt? Wie verbringen wir den Großteil unserer wachen Stunden? Ist diese Tätigkeit im Einklang mit unseren Werten?

Anna und die Ethik im Berufsalltag

Anna arbeitet im Marketing einer mittelgroßen Firma. Sie mag ihren Job – die kreative Arbeit, das Team, die Abwechslung. Doch in letzter Zeit kommen ihr vermehrt Zweifel, besonders an ruhigen Sonntagabenden, wenn sie über die kommende Woche nachdenkt.

Ein neuer Auftrag liegt auf ihrem Schreibtisch: Sie soll eine Kampagne für ein Produkt entwickeln, das sie selbst für überflüssig hält. Die Marketingstrategie soll bewusst mit Ängsten arbeiten („Ohne dieses Produkt sind Sie nicht sicher“). Ist das wirklich okay? Andere Fragen melden sich:

  • Ist das Produkt, das sie bewirbt, wirklich so nützlich, wie die Kampagne es darstellen soll, oder werden Bedürfnisse künstlich geweckt?
  • Sind die Marketingmethoden fair oder wird mit psychologischen Tricks gearbeitet, um Menschen zum Kauf zu bewegen?
  • Wie geht ihr Unternehmen mit Mitarbeitern um? Mit der Umwelt? Mit Lieferanten?
  • Trägt ihre Arbeit wirklich etwas Positives zur Welt bei – oder zumindest nichts Schädliches?

Diese Überlegungen berühren den Kern von Rechtem Lebenserwerb. Es geht nicht nur darum, was wir in unserer Freizeit tun, sondern darum, ehrlich zu uns selbst bezüglich der Auswirkungen unserer beruflichen Tätigkeit zu sein – einer Tätigkeit, die oft 40 oder mehr Stunden pro Woche in Anspruch nimmt.

Grundprinzipien Rechten Lebenserwerbs

Traditionell werden in den buddhistischen Schriften bestimmte Berufe genannt, die als nicht vereinbar mit Rechtem Lebenserwerb gelten, weil sie direkt Leiden verursachen. Dazu gehören:

1. Handel mit Waffen Berufe, die den Handel oder die Herstellung von Waffen umfassen, die primär zum Töten oder Verletzen verwendet werden.

2. Handel mit Lebewesen Dies bezieht sich auf den Handel mit Menschen (Sklaverei, Menschenhandel) oder mit Tieren, die zur Schlachtung bestimmt sind.

3. Fleischproduktion in großem Stil Besonders die industrielle Massentierhaltung, die mit großem Leiden der Tiere verbunden ist.

4. Handel mit Rauschmitteln und Giften Berufe, die den Verkauf von Substanzen umfassen, die abhängig machen, das Bewusstsein trüben oder gezielt schaden.

5. Betrügerische oder ausbeuterische Tätigkeiten Jegliche Form von Betrug, Täuschung, unfairen Geschäftspraktiken oder direkter Ausbeutung von Menschen.

Die positiven Aspekte Rechten Lebenserwerbs sind das Gegenstück zu dieser Liste:

  • Eine Tätigkeit auszuüben, die ehrlich und aufrichtig ist
  • Keinen direkten oder indirekten Schaden für sich selbst, andere Menschen, Tiere oder die Umwelt zu verursachen
  • Idealerweise eine Arbeit zu verrichten, die nützlich ist und zum Wohlergehen der Gesellschaft beiträgt
  • Die Art und Weise zu beachten, wie man arbeitet: mit Integrität, Fairness, Respekt und Achtsamkeit gegenüber allen Beteiligten

Rechter Lebenserwerb bedeutet auch, die eigene Arbeit nicht als bloßes Mittel zum Geldverdienen zu sehen, sondern als einen Bereich, in dem wir Weisheit und Mitgefühl praktizieren können.

Kritische Nachfragen zu Rechtem Lebenserwerb

Mein Job ist nicht perfekt ethisch, aber ich brauche das Geld. Was soll ich tun?

Dies ist eine sehr reale und häufige Sorge, besonders in einer komplexen Wirtschaft mit begrenzten Jobmöglichkeiten. Rechter Lebenserwerb ist oft ein Prozess, keine einmalige Entscheidung. Es geht nicht immer darum, sofort den Job zu kündigen, wenn man ethische Bedenken hat. Es kann auch bedeuten:

  • Innerhalb des bestehenden Jobs nach Möglichkeiten zu suchen, positiven Einfluss zu nehmen und problematische Praktiken anzusprechen
  • Die eigene Haltung und Arbeitsweise so ethisch wie möglich zu gestalten, auch wenn das Umfeld nicht ideal ist
  • Langfristig und strategisch nach Alternativen Ausschau zu halten, ohne sich selbst in finanzielle Not zu bringen
  • Sich weiterzubilden, um bessere Optionen zu haben

Der Buddha hat pragmatisch erkannt, dass Menschen in unterschiedlichen Lebensumständen sind. Wichtig ist die Ausrichtung und das ehrliche Bemühen.

Bedeutet das, ich muss jetzt für eine NGO arbeiten oder Mönch werden?

Nein, keineswegs. Viele „gewöhnliche“ Berufe können vollständig im Einklang mit Rechtem Lebenserwerb ausgeübt werden. Entscheidend ist die grundlegende Ausrichtung der Tätigkeit und ihre tatsächliche Auswirkung. Ein ethisch handelnder Bäcker, der ehrliches Brot backt, praktiziert Rechten Lebenserwerb genauso wie jemand im sozialen Bereich oder in der Medizin. Auch Handwerker, Lehrer, Gärtner, IT-Experten (sofern sie keine schädliche Software entwickeln) und viele andere können ihre Arbeit im Einklang mit diesen Prinzipien verrichten. Es geht mehr um das „Wie“ als um das reine „Was“.

Die moderne Wirtschaft ist so komplex und vernetzt. Wie kann ich überhaupt beurteilen, ob mein Job ‚ethisch rein‘ ist?

Das ist ein wichtiger Punkt. Vollkommene ethische Reinheit ist in unserer verflochtenen Welt tatsächlich schwer zu erreichen. Fast jede Tätigkeit hat irgendwo in der Lieferkette problematische Aspekte. Doch das darf nicht zur Ausrede werden, gar nichts zu tun. Es geht um eine bewusste, ehrliche Bemühung und darum, Verantwortung für den eigenen direkten Wirkungsbereich zu übernehmen. Wichtig ist die aufrichtige Selbstreflexion: Tue ich mein Bestes, um direkten Schaden zu vermeiden und Nutzen zu stiften, im Rahmen meiner Möglichkeiten? Bin ich bereit, mich weiterzuentwickeln und nach besseren Lösungen zu suchen?

Eine kleine Übung zu Rechtem Lebenserwerb (fünf bis zehn Minuten)

Diese Übung hilft dir, deine berufliche Situation bewusst zu reflektieren und konkrete Schritte zur ethischeren Gestaltung deines Lebenserwerbs zu identifizieren.

Schritt 1: Ehrliche Bestandsaufnahme deiner Arbeitssituation (3-4 Minuten)

Nimm dir Papier und Stift oder öffne eine Notiz-App. Reflektiere ehrlich und ohne Selbstverurteilung über folgende Fragen:

  • Welche Aspekte deiner beruflichen Tätigkeit empfindest du als ethisch positiv und sinnvoll?
  • Gibt es Bereiche oder Aufgaben, die dir ein ungutes Gefühl oder Unbehagen bereiten? Wenn ja, warum?
  • Wie ist dein Umgang mit Kollegen, Kunden, Lieferanten? Entspricht er deinen eigenen ethischen Vorstellungen?
  • Trägt deine Arbeit etwas Positives zur Gesellschaft bei? Oder verursacht sie möglicherweise Schaden?
  • Wenn du völlig frei wählen könntest – würdest du dieselbe Arbeit tun? Wenn nein, was würde dich davon abhalten?

Schreibe deine Gedanken auf, auch wenn sie zunächst verwirrend oder widersprüchlich erscheinen. Ehrlichkeit ist hier wichtiger als Perfektion.

Schritt 2: Identifiziere einen konkreten kleinen Schritt (2-3 Minuten)

Basierend auf deiner Reflexion: Gibt es eine kleine, realistische Veränderung, die du in deinem Arbeitsalltag vornehmen könntest, um deinen Lebenserwerb ethischer oder achtsamer zu gestalten?

Das könnte sein:

  • Eine Praktik, die dir unethisch erscheint, höflich aber bestimmt anzusprechen oder nicht mehr mitzumachen
  • Dich aktiv für eine fairere, nachhaltigere oder menschlichere Vorgehensweise in einem Projekt einzusetzen
  • Einem Kollegen, der übergangen wird, besonders wertschätzend und unterstützend zu begegnen
  • Dir bewusst Zeit zu nehmen, um über mittelfristige berufliche Alternativen nachzudenken
  • Eine Weiterbildung zu beginnen, die dir neue, ethischere Berufswege eröffnen könnte

Wähle etwas Konkretes und Umsetzbares aus und formuliere es klar: „In dieser Woche werde ich…“

Schritt 3: Visualisierung und Commitment (2-3 Minuten)

Schließe die Augen und stelle dir vor, wie du diesen kleinen Schritt umsetzt:

  • Wie fühlst du dich dabei?
  • Welche Hindernisse könnten auftauchen?
  • Wie könntest du damit umgehen?
  • Was wäre der beste Fall – wie würde es sich anfühlen, wenn es gelingt?

Spüre die Verbindung zwischen deiner Arbeit und deinen Werten. Nimm dir vor, diesen Schritt wirklich umzusetzen. Schreibe dir eine Erinnerung, wenn das hilft.

Am Ende der Woche reflektiere: Hat es geklappt? Was hast du gelernt? Was ist der nächste kleine Schritt?

Rechter Lebenserwerb ist ein integraler Bestandteil eines achtsamen und ethischen Lebens. Indem wir versuchen, unsere Arbeit Schritt für Schritt mehr in Einklang mit unseren Werten zu bringen, finden wir nicht nur mehr Frieden und Sinn in unserem Tun, sondern tragen auch zu einer gerechteren und mitfühlenderen Welt bei.

Wie könntest du deine berufliche Tätigkeit mehr mit deinen tiefsten ethischen Überzeugungen in Einklang bringen – und welcher erste kleine Schritt wäre heute möglich?

Serienanschluss: Mit dem Rechten Lebenserwerb schließen wir den Bereich der Ethik (Sīla) ab. Nun wenden wir uns dem dritten und letzten Hauptteil des Achtfachen Pfades zu: der geistigen Sammlung (Samādhi). Wir beginnen mit ihrer Grundlage – der Rechten Anstrengung.