Pfad 2: Positive Absichten entwickeln

Junge Frau sitzt mit geschlossenen Augen meditierend, warmes goldenes Leuchten auf ihrer Brustmitte

Den Geist ausrichten

Mit der Rechten Einsicht haben wir das erste Glied des Achtfachen Pfades kennengelernt – die Fähigkeit, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Nun wenden wir uns dem zweiten Glied zu: Rechte Absicht (Sammā Saṅkappa). Sie ist die unmittelbare Frucht unserer Einsicht und die treibende Kraft hinter heilsamem Denken, Sprechen und Handeln. Rechte Absicht gibt unserem Leben eine klare und förderliche Ausrichtung.

Anna und die Kraft ihrer inneren Ausrichtung

Erinnern wir uns an Anna, die sich über ihre Schwester geärgert hat. Sie hatte gelernt, mit Rechter Einsicht zu erkennen, dass ihr Ärger vergänglich ist (Anicca), dass das Festhalten daran Leiden verursacht (Dukkha) und dass impulsive Reaktionen die Situation verschlimmern können (Kamma).

Doch das Erkennen allein reicht nicht immer aus. Anna spürt, wie der Impuls aufsteigt, ihrer Schwester eine scharfe Nachricht zu schreiben. Ihr Herz pocht, die Finger schweben über der Tastatur. In diesem Moment erinnert sie sich: Sie kann wählen, welche Richtung ihr Geist nimmt.

Aufbauend auf ihrer Einsicht entwickelt Anna nun eine Rechte Absicht: Statt der Absicht, der Schwester eins auszuwischen, fasst sie die Absicht, die Situation konstruktiv zu klären (Absicht des Wohlwollens). Statt der Absicht, ihre eigene Position durchzusetzen, entwickelt sie die Absicht, eine faire Lösung zu finden (Absicht des Nicht-Schädigens). Sie legt das Handy beiseite und beschließt, am nächsten Tag in Ruhe mit ihrer Schwester zu sprechen.

Diese innere Ausrichtung wird ihre Worte und Taten maßgeblich beeinflussen – hin zu einem heilsameren Ergebnis.

Was ist Rechte Absicht? Die drei Aspekte

Rechte Absicht (Sammā Saṅkappa) ist eine bewusste Entscheidung und Ausrichtung des Geistes auf heilsame Qualitäten. Sie ist die Brücke zwischen dem Verstehen und dem Handeln. Traditionell wird sie in drei Aspekten beschrieben:

1. Die Absicht der Entsagung (Nekkhamma)

Dies bedeutet, die Absicht zu entwickeln, Anhaftung an Dinge loszulassen, die uns binden und Leiden verursachen. Es geht nicht darum, alles Weltliche abzulehnen oder ein asketisches Leben zu führen, sondern die unheilsame Abhängigkeit davon zu erkennen und die Freiheit davon anzustreben.

Für Anna könnte das bedeuten, ihren Drang, dem Ärger sofort Luft zu machen, zu mäßigen. Sie erkennt: „Dieser Impuls mag stark sein, aber ich muss ihm nicht folgen. Ich kann warten.“ Das ist Entsagung im Alltag – die Freiheit, nicht jedem Drang nachgeben zu müssen.

2. Die Absicht des Wohlwollens (Avyāpāda)

Dies ist die Absicht, frei von Übelwollen, Hass und Ärger zu sein und stattdessen Freundlichkeit gegenüber allen Lebewesen zu kultivieren. Es ist der aufrichtige Wunsch, dass andere glücklich sein mögen – einschließlich Menschen, die uns herausfordern.

Annas Absicht, die Beziehung zu ihrer Schwester zu verbessern statt sie zu belasten, ist ein klares Beispiel. Sie fragt sich: „Was würde helfen, dass wir beide uns besser fühlen?“ Diese Frage öffnet den Raum für Wohlwollen.

3. Die Absicht des Nicht-Schadens (Avihiṃsā)

Dies ist die Absicht, anderen Lebewesen kein Leid zuzufügen, weder physisch noch psychisch. Es geht um echtes Mitgefühl. Dies schließt auch die Selbstfürsorge ein – uns selbst nicht unnötig zu quälen oder zu verurteilen.

Annas Entscheidung, keine verletzende Nachricht zu schreiben, entspringt dieser Absicht. Sie will ihrer Schwester nicht schaden. Gleichzeitig erlaubt sie sich, nicht perfekt zu sein: „Ich bin auch nur ein Mensch. Ich darf Fehler machen und daraus lernen.“

Kritische Nachfragen zur Rechten Absicht

Ist das nicht einfach nur positives Denken?

Rechte Absicht ist mehr als das. Sie wurzelt in der Rechten Einsicht und ist damit auf ein tiefes Verständnis der Wirklichkeit gegründet. Während positives Denken manchmal unangenehme Wahrheiten überdecken oder verdrängen kann, zielt Rechte Absicht darauf ab, unseren Geist bewusst so auszurichten, dass er zu heilsameren Handlungen führt. Die Veränderung beginnt im Geist, setzt sich im Sprechen fort und mündet schließlich im Handeln. Es geht nicht darum, sich etwas schönzureden, sondern darum, bewusst eine Richtung zu wählen.

Man kann doch nicht immer nur wohlwollend sein. Manchmal muss man sich doch durchsetzen!

Rechte Absicht bedeutet nicht, passiv, naiv oder unterwürfig zu sein. Wohlwollen schließt nicht aus, für Gerechtigkeit einzutreten, klare Grenzen zu setzen oder für seine Rechte einzustehen. Der entscheidende Unterschied liegt in der inneren Haltung, mit der wir das tun. Man kann fest und klar auftreten, ohne von Hass, Rache oder dem Wunsch zu schaden getrieben zu sein. Ein Richter kann ein gerechtes Urteil sprechen, ohne Hass auf den Angeklagten zu empfinden.

Meine Absichten sind meistens gut, aber es kommt trotzdem oft anders.

Das ist ein wichtiger Punkt. Unsere Absicht ist wie ein Same, den wir pflanzen – aber wie dieser aufgeht, hängt auch von vielen anderen Bedingungen ab: von den Umständen, von anderen Menschen, von äußeren Faktoren. Wir können nicht alles kontrollieren. Wichtig ist, dass wir die Verantwortung für unsere Absicht und die daraus folgenden Handlungen übernehmen. Wenn wir konsequent heilsame Absichten kultivieren, erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit für positive Ergebnisse erheblich. Und selbst wenn etwas schiefgeht, können wir mit gutem Gewissen sagen: „Ich habe mein Bestes getan.“

Eine kleine Übung zur Rechten Absicht (fünf bis zehn Minuten)

Diese Übung hilft dir, bewusst heilsame Absichten zu setzen und sie im Alltag lebendig zu halten. Du kannst sie morgens oder vor wichtigen Momenten praktizieren.

Schritt 1: Ankunft und Zentrierung (1-2 Minuten)

Setze dich bequem hin, schließe die Augen oder senke den Blick. Atme ein paar Mal tief ein und aus. Spüre, wie du hier und jetzt ankommst. Nimm wahr, was gerade ist – Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen – ohne etwas verändern zu wollen.

Schritt 2: Heilsame Absicht formulieren (2-3 Minuten)

Frage dich: „Welche heilsame Absicht möchte ich heute (oder in dieser spezifischen Situation) besonders pflegen?“

Das könnte sein:

  • Die Absicht, geduldiger zu sein
  • Die Absicht, freundliche Worte zu wählen
  • Die Absicht, loszulassen, was ich nicht kontrollieren kann
  • Die Absicht, gut für mich selbst zu sorgen

Formuliere deine Absicht klar und positiv in Worten, zum Beispiel: „Heute möchte ich die Absicht des Wohlwollens pflegen – mir selbst und anderen gegenüber.“ Wiederhole diese Absicht innerlich einige Male und spüre, wie sie sich anfühlt.

Schritt 3: Verankerung im Alltag (2-3 Minuten)

Stelle dir nun konkret vor, wie du diese Absicht in deinem Tag lebst. Wenn du zum Beispiel die Absicht der Geduld gewählt hast: Wie würdest du reagieren, wenn du im Stau stehst? Wie würdest du sprechen, wenn jemand dich unterbricht? Male dir diese Situationen aus und spüre, wie es wäre, aus dieser heilsamen Absicht heraus zu handeln.

Nimm dir vor, dich im Laufe des Tages immer wieder an deine Absicht zu erinnern – vielleicht in Übergangsmomenten, beim Gang zur Kaffeemaschine, beim Warten an der Ampel.

Wenn du regelmäßig übst, heilsame Absichten zu setzen, wirst du merken, wie sich dein innerer Kompass klarer ausrichtet. Rechte Absicht ist keine einmalige Entscheidung, sondern eine Übung, die wir jeden Tag aufs Neue praktizieren können.

Welche heilsame Absicht könntest du heute setzen – und wie würde sich dein Tag verändern, wenn du dich immer wieder liebevoll daran erinnerst?

Serienanschluss: Eine klare Absicht ist die Grundlage. Im nächsten Schritt schauen wir uns an, wie sich diese Absicht in unserer Kommunikation manifestiert – durch die Praxis der Rechten Rede.