Tugend 5: Gleichmut

In der Mitte bleiben

Schön, dass du diesen Weg weitergehst. Wir haben uns geöffnet für Großzügigkeit, Liebende Güte, Mitgefühl und Mitfreude. Das sind wunderbare, warme Qualitäten. Doch das Leben ist stürmisch. Was passiert, wenn unsere Gefühle zu intensiv werden? Wenn wir uns im Mitleid verlieren oder in der Euphorie abheben? Hier brauchen wir die vierte und letzte der „Unermesslichen Qualitäten“: den Gleichmut. Er ist der Anker, der das Schiff stabil hält, egal wie hoch die Wellen schlagen.

Anna im Sturm der Erwartungen

Anna hat eine Freundin, nennen wir sie Lisa, die gerade durch eine Krise geht. Lisa ruft täglich an, klagt stundenlang über ihren Chef, ihren Partner, das Wetter. Anna hat ihr zugehört (Karuṇā), hat ihr Gutes gewünscht (Mettā), aber langsam merkt sie, wie es sie auslaugt. Sie wird ungeduldig, ärgert sich, fühlt sich dann schuldig, versucht noch mehr zu helfen, wird aber immer frustrierter.

Sie schwankt zwischen zwei Extremen: „Ich muss sie retten!“ (Über-Engagement) und „Ich gehe nicht mehr ans Telefon!“ (Ablehnung). Beides fühlt sich stressig an.

Dann erinnert sich Anna an das Prinzip des Gleichmuts. Sie atmet tief durch und tritt innerlich einen Schritt zurück. Sie erkennt: „Ich kann Lisa lieb haben, aber ich kann ihr Leben nicht für sie leben. Ihr Leiden gehört ihr, mein Frieden gehört mir.“ Sie geht beim nächsten Anruf ans Telefon, aber mit einer neuen Haltung. Sie ist präsent, freundlich, aber sie springt nicht mehr in den Strudel hinein. Sie sagt ruhig: „Das klingt sehr anstrengend für dich, Lisa. Ich habe heute 20 Minuten Zeit für dich, dann muss ich los.“ Anna bleibt stabil. Sie hilft ihrer Freundin mehr durch ihre eigene Ruhe als durch ihre vorherige Aufregung.

Gleichmut (Upekkhā) verstehen

Wir haben Upekkhā (Pali für Gleichmut) bereits als eines der sieben Erleuchtungsglieder kennengelernt. Hier, im Kontext der vier Herzensqualitäten (Brahmavihāras), hat es eine besondere Nuance: Es geht um Gleichmut in Beziehungen. Es ist die Balance zwischen Nähe und Distanz.

1. Der Unterschied zu Gleichgültigkeit Gleichmut wird oft mit Gleichgültigkeit verwechselt („Ist mir doch egal“). Das ist falsch.

  • Gleichgültigkeit ist Kälte, Desinteresse und Rückzug. Das Herz ist verschlossen.
  • Gleichmut ist Weisheit, Wärme und Stabilität. Das Herz ist offen, aber es klammert nicht. Es ist wie ein Berg: Der Wind (die Dramen anderer) bläst ihn an, aber er wackelt nicht.

2. Die Erkenntnis der Eigenverantwortung Gleichmut im sozialen Kontext basiert auf dem Verständnis von Karma. Wir erkennen an: „Jeder Mensch ist der Erbe seiner eigenen Handlungen.“ Wir können anderen wünschen, dass sie glücklich sind, und wir können helfen – aber wir können niemanden gegen seinen Willen glücklich machen oder vor den Konsequenzen seines Handelns bewahren. Diese Einsicht befreit uns von dem zermürbenden Drang, die Welt und die Menschen um uns herum ständig kontrollieren oder „reparieren“ zu müssen.

3. Die Balance der vier Tugenden Ohne Gleichmut kippen die anderen Tugenden um:

  • Liebende Güte wird zu besitzergreifender Anhaftung.
  • Mitgefühl wird zu sentimentalem Mitleid und Burnout.
  • Mitfreude wird zu aufgeregter Euphorie.
    Gleichmut ist die Bremse und das Lenkrad, das sicherstellt, dass unsere Liebe weise bleibt und nicht blind wird.

Mögliche kritische Nachfragen:

  • „Klingt das nicht sehr distanziert? ‚Dein Leid ist dein Problem‘?“
    Es klingt hart, ist aber die Basis für echte Hilfe. Wenn ein Rettungsschwimmer zu einem Ertrinkenden springt, darf er sich nicht umklammern lassen, sonst gehen beide unter. Gleichmut ist diese professionelle Stabilität. Du sagst nicht „Mir egal“, sondern „Ich bin hier, ich halte dich, aber ich lasse mich nicht von deiner Panik anstecken.“ Das ist die größte Hilfe, die du geben kannst.

  • „Darf ich dann gar nicht mehr emotional reagieren?“
    Doch, du bist ein Mensch, kein Roboter. Gleichmut bedeutet nicht, keine Gefühle zu haben. Es bedeutet, nicht von ihnen beherrscht zu werden. Du spürst die Wut oder die Trauer, aber du hast einen inneren Raum, der unberührt bleibt. Du kannst fühlen und gleichzeitig beobachten.

  • „Wie schaffe ich das bei meinen eigenen Kindern oder dem Partner? Da ist man doch nie neutral.“
    Das ist die Königsdisziplin. Natürlich ist die Bindung hier stark. Gleichmut bedeutet hier: Den anderen so sein zu lassen, wie er ist, ohne ihn ständig in unser Wunschbild pressen zu wollen. Es ist die Liebe, die sagt: „Ich liebe dich so sehr, dass ich dir erlaube, deine eigenen Erfahrungen (und Fehler) zu machen.“

Eine kleine Übung zum Gleichmut (fünf bis zehn Minuten)

Diese Übung nutzt Sätze der Weisheit, um den Geist zu zentrieren, wenn Beziehungen schwierig werden.

  1. Die Situation visualisieren
    Denke an eine Person, um die du dich sorgst oder die dich stresst. Spüre den Drang in dir, etwas verändern oder kontrollieren zu wollen. Spüre die Anspannung, die damit verbunden ist.

  2. Den Satz der Befreiung sprechen
    Atme ruhig ein und aus. Sprich innerlich (oder flüsternd) folgenden traditionellen Satz:

  • „Du bist der Besitzer deiner Handlungen. Dein Glück und dein Leid hängen von deinen Handlungen ab, nicht von meinen Wünschen.“
    Oder in moderner Sprache:
  • „Ich wünsche dir das Beste, aber ich kann dein Leben nicht für dich leben.“
  1. Den Frieden spüren
    Beobachte, was dieser Satz mit deiner Anspannung macht. Vielleicht spürst du eine Erleichterung in den Schultern, ein tieferes Ausatmen. Du legst eine Last ab, die gar nicht deine war. Spüre die Stabilität, die entsteht, wenn du bei dir bleibst und dem anderen sein Schicksal lässt.

Diese Übung bringt dich zurück in deine Mitte – von dort aus kannst du viel effektiver und nachhaltiger lieben.

Abschluss: Reflektierende Frage

Gleichmut ist der tiefe Frieden, der sagt: „Es ist okay, wie es ist.“

Wie würde sich deine Beziehung zu deinen Mitmenschen verändern, wenn du aufhören würdest, sie retten oder ändern zu wollen, und ihnen stattdessen das Geschenk deiner ruhigen, akzeptierenden Präsenz machen würdest?

Serienanschluss: Mit den vier Herzensqualitäten haben wir eine Basis geschaffen. Doch im Alltag werden wir oft getestet. Im nächsten Teil widmen wir uns einer Tugend, die wir besonders dann brauchen, wenn es langsam oder schwierig wird: der Geduld (Khanti).