Das Glück teilen
Schön, dass du unseren gemeinsamen Weg weitergehst. Wir haben bereits drei der „Unermesslichen Qualitäten“ erkundet: Die Großzügigkeit, die Liebende Güte und das Mitgefühl. Heute widmen wir uns der vielleicht schwierigsten, aber auch befreiendsten Qualität: der Mitfreude. Es ist leicht, Mitleid zu empfinden, wenn es jemandem schlecht geht. Aber wie reagieren wir, wenn es anderen besser geht als uns? Das ist der wahre Lackmustest für unser Ego. Lass uns heute erforschen, wie wir die Freude anderer zu unserer eigenen machen können.
Anna und der Stachel des Neids
Anna scrollt in ihrer Mittagspause durch die sozialen Medien. Sie sieht ein Foto einer ehemaligen Studienkollegin: Strahlend steht diese vor einem wunderschönen Haus am Meer, den Arm um einen neuen Partner gelegt, darunter der Text: „Endlich angekommen – Traumjob, Traumhaus, Traummann!“
Annas erster Impuls ist nicht Freude. Es ist ein spitzer, kalter Stich in der Magengegend. Gedanken schießen hoch: „Warum sie und nicht ich? Sie war im Studium doch total chaotisch. Das ist ungerecht.“ Anna fühlt sich plötzlich klein, ihr eigenes Leben wirkt grau und unzulänglich. Der Erfolg der anderen fühlt sich an wie ihr eigenes Versagen.
Erschrocken über ihre eigene Missgunst, legt Anna das Handy weg. Sie atmet tief durch. Sie erkennt: Dieser Neid vergiftet gerade nur sie selbst. Der Kollegin geht es gut, egal was Anna denkt. Aber Anna sitzt hier und leidet. Sie fragt sich: Gibt es einen Weg, dieses vergleichende Denken loszulassen und sich wirklich für andere zu freuen, ohne sich selbst abzuwerten?
Mitfreude (Muditā) verstehen
Im Buddhismus nennt man diese Qualität Muditā (Pali für Mitfreude). Es ist die dritte der vier „Unermesslichen Qualitäten“ (Brahmavihāras). Muditā ist die Fähigkeit, am Glück und Erfolg anderer teilzuhaben, als wäre es unser eigener.
1. Das Gegenmittel zu Neid und Eifersucht Neid basiert auf der Illusion eines begrenzten Glücks: „Wenn du mehr hast, bleibt für mich weniger.“ Wir sehen das Leben als Nullsummenspiel. Muditā dreht diese Logik um. Freude ist keine begrenzte Ressource. Wenn eine Kerze eine andere anzündet, verliert die erste nicht an Licht – der Raum wird insgesamt heller. Muditā erlaubt uns, uns an das „Licht“ anderer anzukoppeln. Wenn wir uns mitfreuen, verdoppeln wir das Glück in der Welt sofort, ohne dass wir selbst etwas „leisten“ müssen.
2. Die Schwierigkeit der Mitfreude Warum fällt uns Karuṇā (Mitgefühl) oft leichter als Muditā? Weil jemand, der leidet, keine Bedrohung für unser Ego darstellt. Wir fühlen uns vielleicht sogar stärker oder überlegen, wenn wir helfen. Aber jemand, der erfolgreicher, schöner oder glücklicher ist? Das kratzt am Selbstwertgefühl. Muditā erfordert also ein starkes, gesundes Selbstvertrauen, das nicht auf Vergleichen basiert. Es erfordert die Einsicht: „Dein Glück nimmt mir nichts weg.“
3. Die befreiende Wirkung Wer Muditā praktiziert, hat nie wieder Grund zur Langeweile oder Frustration, denn irgendwo auf der Welt freut sich immer gerade jemand. Wir können uns in diese Freude einklinken wie in ein kostenloses WLAN. Muditā macht das Herz leicht und beschwingt. Es heilt die bittere Verkniffenheit, die entsteht, wenn wir ständig vergleichen.
Mögliche kritische Nachfragen:
„Muss ich mich freuen, wenn jemand unverdient Glück hat?“
Das ist oft unser Urteil: „Der hat das nicht verdient.“ Aber wer sind wir, um das karmische Konto anderer zu prüfen? Muditā bedeutet nicht, Ungerechtigkeit gutzuheißen. Es bedeutet anzuerkennen: „Jetzt, in diesem Moment, ist dieser Mensch glücklich.“ Wir gönnen ihm diesen Moment des Friedens, weil wir wissen, dass auch er Leiden kennt.„Fühlt sich das nicht heuchlerisch an, wenn ich eigentlich neidisch bin?“
Ja, am Anfang oft. Neid ist ein tief sitzender Instinkt. Wenn du Neid spürst, verurteile dich nicht. Sag einfach: „Aha, Neid.“ Und dann setze bewusst den Gedanken der Mitfreude daneben: „Mögest du glücklich sein mit deinem Erfolg.“ Du übst damit eine neue neuronale Bahn. „Fake it until you make it“ ist hier eine legitime spirituelle Praxis.„Verliere ich nicht meinen Ehrgeiz, wenn ich mit dem Erfolg anderer zufrieden bin?“
Nein. Du kannst dich für andere freuen und trotzdem eigene Ziele haben. Der Unterschied ist die Motivation: Statt aus einem Mangelgefühl heraus zu rennen („Ich muss besser sein als die“), handelst du aus Inspiration („Toll, was sie geschafft hat, das motiviert mich“). Muditā verwandelt Konkurrenz in Inspiration.
Eine kleine Übung zur Mitfreude (fünf bis zehn Minuten)
Diese Übung hilft dir, den engen Fokus des Neids zu weiten und die Freude anderer als Energiequelle zu nutzen.
Den Neid aufspüren
Denke an eine Person, die etwas hat oder kann, was du auch gerne hättest (Erfolg, Beziehung, Talent). Spüre kurz ehrlich hin: Ist da ein kleiner Stich? Eine Enge? Begrüße dieses Gefühl freundlich, ohne es wegzudrücken. Es ist menschlich.Die Perspektive wechseln
Stelle dir nun vor, wie sich diese Person gerade fühlt. Sieh ihr Lächeln, ihre Erleichterung, ihre Freude. Versuche, dich in ihr Erleben hineinzuversetzen, nicht in deinen Mangel. Sage innerlich: „Wie schön für dich. Ich sehe deine Freude.“Das Geschenk annehmen
Sprich innerlich den Satz: „Möge dein Glück und dein Erfolg noch weiter wachsen.“
Beobachte, was mit deiner eigenen Energie passiert. Oft löst sich die Enge und wandelt sich in eine leichte, warme Weite. Du hast gerade das Glück des anderen „adoptiert“.
Diese Übung macht dich vom Konkurrenten zum Verbündeten. Du erkennst: Glück ist nicht privat, es ist universell.
Abschluss: Reflektierende Frage
Mitfreude ist die Entscheidung, in einer Welt der Fülle zu leben statt in einer Welt des Mangels.
Wie würde sich dein Tag verändern, wenn du jeden Erfolg eines anderen Menschen nicht als Bedrohung deiner eigenen Position, sondern als einen Beweis dafür sehen würdest, dass Glück in dieser Welt möglich ist?
Serienanschluss: Nachdem wir gelernt haben, das Glück anderer zu teilen, brauchen wir noch eine letzte Qualität, um in all diesem Auf und Ab stabil zu bleiben. Im nächsten Teil widmen wir uns der Königin der Tugenden: dem Gleichmut (Upekkhā).
