Tanha: Der endlose Durst

Eine Reise zu den Wurzeln unseres Verlangens – und warum „Gier“ vielleicht das falsche Wort ist

Lesezeit: ca. 15 Minuten

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem Tisch. Vor Ihnen steht ein Becher. Sie haben Durst, großen Durst. Sie heben den Becher, trinken, und stellen ihn ab. Aber das Gefühl geht nicht weg. Der Hals bleibt trocken. Sie trinken noch einmal. Nichts passiert. Sie beginnen, hastig zu trinken, fast panisch. Sie kippen Flüssigkeit in sich hinein – Erfolg, Anerkennung, Ablenkung, Essen –, aber es ist, als hätte der Eimer Ihrer Seele ein Loch. Es fließt einfach durch.

Dieses Gefühl des „Niemals-Satt-Werdens“ nannte der Buddha die Zweite Edle Wahrheit. Er identifizierte einen Motor, der unser unrundes Lebensrad (Dukkha) antreibt. Das Wort dafür ist Tanha.

Wenn wir dieses Wort im Westen hören, wird es meist übersetzt mit „Gier“ oder „Begierde“. Das klingt nach einem moralischen Urteil. Wir sehen Dagobert Duck vor uns oder einen Sünder, der seine Triebe nicht im Griff hat. Wir wehren ab: „Ich bin doch nicht gierig.“

Doch was, wenn das Wort „Gier“ uns in die Irre führt? Was, wenn Tanha keine moralische Verfehlung ist, sondern ein biologischer, fast elektrischer Mechanismus?

Kommen Sie mit. Wir besuchen vier Übersetzer in ihren Schreibstuben, Klöstern und Laboren. Schauen wir uns an, was uns wirklich antreibt.


1. Wien, 1900: Das Korsett der Moral

(Karl Eugen Neumann)

Wir sind zurück im Wien der Jahrhundertwende, bei Karl Eugen Neumann. Das Zimmer ist dunkel, schwere Samtvorhänge dämpfen das Licht. Es ist eine Zeit der strengen Sitten. Man trägt Korsett, man wahrt die Form. Triebe sind etwas, über das man nicht spricht – außer vielleicht auf der Couch von Dr. Freud, ein paar Straßen weiter.

Wenn Neumann auf das Wort Tanha blickt, sieht er das „Tierische“ im Menschen, das uns ins Unglück stürzt. Er wählt ein Wort, das nach Sünde und Verdammnis klingt: „Begierde“.

„Die Ursache des Leidens ist die Begierde.“

Der Körper-Check: Sprechen Sie das Wort „Begierde“ laut aus. Spüren Sie nach. Es fühlt sich klebrig an. Schmutzig. Da ist ein inneres Zusammenziehen, eine Scham. „Ich darf das nicht wollen.“ Wir ziehen den Bauch ein. Wir versuchen, uns zu kontrollieren.

Die Wirkung: Diese Übersetzung macht den Buddhismus zu einem Kampf gegen unsere eigene Natur. Wir werden zu Asketen, die ihre Wünsche „töten“ wollen. Wir werden hart gegen uns selbst. Wir glauben, Freiheit bedeute, nichts mehr zu fühlen. Aber wer versucht, den Hunger zu verbieten, wird irgendwann verhungern.


2. Die Tropeninsel: Der Schrei nach Wasser

(Nyanatiloka)

Schnitt. Die Luft wird heiß und feucht. Wir sind auf einer kleinen Insel in einem See auf Sri Lanka, in der Island Hermitage. Der Dschungel dampft. Die Zikaden sägen so laut, dass es in den Ohren schmerzt. Hier sitzt Nyanatiloka, der erste deutsche buddhistische Mönch, in seiner einfachen Hütte. Der Schweiß läuft ihm in Strömen über den Rücken.

In dieser Hitze ist Wasser keine Frage von „Gier“. Es ist eine Frage von Leben und Tod. Nyanatiloka weiß, dass Tanha wörtlich gar nicht Gier heißt. Er wählt das Wort, das der Urbedeutung entspricht und das er hier jeden Tag am eigenen Leib spürt: „Durst“.

„Die Ursache des Leidens ist der Durst.“

Der Körper-Check: Sagen Sie „Durst“. Das fühlt sich völlig anders an, oder? Da ist keine Schuld. Da ist eine Notwendigkeit. Ein Ziehen in der Kehle. Ein trockenes Brennen. Ein instinktives Suchen nach Linderung.

Die Wirkung: Diese Übersetzung nimmt die Moral raus und bringt die Biologie rein. Sie sagt uns: Unser Problem ist nicht, dass wir „böse“ sind. Unser Problem ist, dass wir „dehydriert“ sind. Wir haben einen existenziellen Durst nach Glück und Sicherheit. Das ist natürlich. Der tragische Fehler liegt nur darin, dass wir Salzwasser trinken. Wir versuchen, den Durst mit Dingen zu stillen (Status, Konsum), die ihn nur noch schlimmer machen. Wir sind keine Sünder, wir sind Verdurstende an der falschen Quelle.


3. Das moderne Labor: Der Automat

(Stephen Batchelor)

Wir springen in die Gegenwart. Ein minimalistisches Arbeitszimmer, kühl ausgeleuchtet. Ein Laptop surrt leise. Hier sitzt Stephen Batchelor, der Analytiker. Er blickt nicht auf Sünden und nicht auf Dschungelhitze, er blickt auf Schaltpläne unseres Gehirns.

Er sieht Dopamin-Schleifen. Er sieht den Griff zum Smartphone, der passiert, bevor wir überhaupt gedacht haben. Für ihn ist Tanha keine mystische Kraft. Es ist ein Programmcode. Er nennt es „Reaktivität“ (Reactivity).

„Die Ursache von Stress ist unsere Reaktivität.“

Der Körper-Check: Denken Sie an das Geräusch einer eingehenden Nachricht. Ping. Was passiert in Ihrem Körper? Ein winziges Zucken. Die Augen wandern zum Bildschirm. Die Hand greift zu. Da ist keine bewusste „Gier“. Da ist nur ein Reflex. Wie beim Arzt, der mit dem Hämmerchen auf das Knie klopft.

Die Wirkung: Batchelor entmystifiziert den Feind. Tanha ist der Moment, in dem wir zum Roboter werden. Wenn uns jemand kritisiert und wir sofort zurückbellen – Reaktivität. Wenn wir uns langweilen und zum Kühlschrank gehen – Reaktivität. Die Lösung ist hier nicht Askese, sondern Wachheit. Wir müssen die Millisekunde zwischen dem Ping und dem Griff finden. Dort liegt die Freiheit.


4. Die Stille der Heide: Der Stromstoß

(Paul Debes)

Zum Schluss besuchen wir ein stilles Seminarhaus in der Lüneburger Heide. Draußen wehen Birken im Wind, drinnen herrscht absolute Konzentration. Hier lehrte Paul Debes, ein präziser Beobachter der inneren Energien. Er fragte sich: Was ist vor der Handlung? Was ist der Treibstoff?

Er spürte eine feine, vibrierende Energie, die uns nach vorne stößt. Er nannte es den „Willensreiz“.

„Es ist der Willensreiz, der uns treibt.“

Der Körper-Check: Setzen Sie sich ganz still hin. Nehmen Sie sich vor, gleich aufzustehen, aber tun Sie es noch nicht. Spüren Sie diese Spannung in den Muskeln? Diesen elektrischen Drang, der sagt: „Los jetzt!“? Das ist der Willensreiz. Er ist wie Strom, der durch ein Kabel will.

Die Wirkung: Diese Übersetzung zeigt uns, dass wir ständig unter Strom stehen. Wir wollen immer hin zu etwas oder weg von etwas. Wir sind Getriebene. Ruhe entsteht nicht durch Tod, sondern indem wir den Stromkreis unterbrechen. Indem wir die Energie spüren, aber ihr nicht blind folgen.


5. Fazit: Trinken Sie das Richtige

Wenn wir diese Reise durch die vier Stationen gemacht haben, ändert sich unser Blick auf das „Haben-Wollen“.

Die Zweite Edle Wahrheit ist keine Verurteilung („Du bist zu gierig!“). Sie ist eine Diagnose.

Der Buddha sagt uns: „Schau mal, du hast diesen brennenden Durst (Nyanatiloka). Das ist okay. Aber du reagierst darauf wie ein Roboter (Batchelor) und folgst jedem Reiz (Debes), indem du Salzwasser trinkst.“

Die Übung besteht nicht darin, das Trinken zu verbieten. Sie besteht darin, innezuhalten. Spüren Sie den Durst. Spüren Sie das Ping. Spüren Sie den Stromstoß. Und dann: Tun Sie nichts. Atmen Sie.

In diesem kurzen Moment des Nicht-Reagierens merken Sie plötzlich, dass der Durst von alleine abebbt. Dass Sie gar kein Salzwasser brauchen. Dass das bloße Sein erfrischender ist als jedes Haben.

Das ist das Ende von Tanha. Nicht Askese, sondern das Entdecken der richtigen Quelle.


Zum nächsten Teil der Serie:
Nirodha: Das Ende des Brennens