Nirodha: Das Ende des Brennens

Warum das Ziel des Buddhismus oft nach „Nichts“ klingt – und warum „Entwerden“ die bessere Hoffnung ist

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Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet. Sie haben gelernt, geliebt, gebaut. Sie haben sich eine Identität geschaffen. Und dann kommt jemand und sagt Ihnen, das höchste Ziel all Ihres Strebens sei: Das Erlöschen.

Wie eine Kerze, die ausgepustet wird. Ein letztes Flackern. Rauch. Und dann: Dunkelheit. Kälte. Nichts.

Für viele Menschen im Westen ist die Dritte Edle Wahrheit – die Wahrheit vom Ende des Leidens – der Moment, wo sie aussteigen. Der Buddha nannte dieses Ziel Nirodha (oder bekannter: Nirvana). In unseren Ohren klingt das oft verdächtig nach Tod. Nach Nihilismus. Unser innerster Überlebensinstinkt schreit auf: „Ich will mich doch nicht auflösen! Ich will leben!“

Aber was, wenn dieses Missverständnis gar nicht an der Lehre liegt, sondern wieder einmal an unseren Worten? Was, wenn Nirodha gar nicht das Ende des Lebens meint, sondern das Ende von etwas ganz anderem – etwas, das wir liebend gerne loswerden würden, wenn wir nur wüssten, wie?

Reisen wir ein drittes Mal zu unseren Übersetzern. Schauen wir uns an, wie sie versucht haben, das Unaussprechliche zu benennen. Und entdecken wir, warum das Ziel vielleicht gar nicht „Nichts“ ist, sondern die größte Freiheit, die wir uns vorstellen können.


1. Wien, 1900: Das ausgepustete Licht

(Karl Eugen Neumann)

Wir sind wieder im Wien um 1900, bei Karl Eugen Neumann. Sein Blick ist ernst, geprägt von der europäischen Romantik, die oft mit dem Tod flirtete. Für ihn war das Leben ein „Jammertal“. Wenn er das Wort Nirodha las, sah er darin die einzige logische Erlösung: Das Ende aller irdischen Qualen durch das Ende der Existenz selbst. Er wählte Wörter von endgültiger Härte: „Erlöschung“ oder „Vernichtung“ (des Begehrens).

„Die Wahrheit von der Erlöschung des Leidens.“

Der Körper-Check: Schließen Sie die Augen. Stellen Sie sich eine Kerze vor, die im Dunkeln leuchtet. Sie ist warm, lebendig. Dann: Pust. Der Docht glüht noch kurz nach, dann ist es vorbei. Der Raum wird schwarz. Wie fühlt sich das an? Kalt? Einsam? Es fühlt sich an wie ein Verlust. Wie ein Abschied für immer.

Das kulturelle Missverständnis: Hier liegt ein tragischer Übersetzungsfehler der Gefühle. Für uns Europäer ist Feuer etwas Gutes. Es bedeutet Wärme, Herd, Herzblut. Wenn das Feuer ausgeht, sind wir tot. Im alten Indien, in der tropischen Hitze, war Feuer etwas anderes. Feuer war heiß, wild, zehrend. Es war gefährlich. Wenn man sagte: „Das Feuer ist aus“ (Nirvana), meinte man: „Es ist endlich kühl geworden.“ Man meinte Frieden nach einem Fieberanfall. Neumanns Übersetzung ist sprachlich korrekt, aber emotional führt sie uns in die Irre. Sie lässt uns denken, das Ziel sei der Tod.


2. Das helle Studierzimmer: Der Rucksack

(Fritz Schäfer)

Verlassen wir die dunkle Stube und gehen wir in das helle, klare Arbeitszimmer von Fritz Schäfer in Deutschland. Schäfer war kein Romantiker, er war ein Beobachter der Strukturen. Er fragte sich: Was genau hört da eigentlich auf? Hör ich auf? Oder hört nur etwas in mir auf?

Er sah, dass unser Leiden daher kommt, dass wir ständig etwas werden wollen. Wir wollen besser werden, wir wollen jemand sein, wir bauen ständig an unserem Ego. Dieser Prozess heißt „Werden“ (Bhava). Also muss die Lösung das Gegenteil sein. Nicht Sterben. Sondern den Rückwärtsgang einlegen. Er prägte das wunderbare Wort: „Entwerden“.

„Die Wahrheit vom Entwerden.“

Der Körper-Check: Stellen Sie sich vor, Sie tragen seit Jahren einen riesigen, zentnerschweren Rucksack. Er ist voll mit Ihren Sorgen, Ihren Plänen, Ihrem Image, Ihren „Ich muss noch“-Listen. Die Riemen schneiden tief in die Schultern ein. Ihr Rücken ist krumm. Und jetzt: Entwerden. Sie öffnen die Schnallen. Sie lassen den Rucksack nach hinten gleiten. Er kracht auf den Boden. Sie richten sich auf. Sie atmen tief ein. Sind Sie jetzt tot? Nein. Sie sind lebendiger als je zuvor. Sie stehen aufrecht. Aber Sie müssen die Last nicht mehr tragen. Sie müssen nichts mehr „sein“.

Die Wirkung: „Entwerden“ nimmt uns die Angst. Es ist kein Verlust, es ist eine gewaltige Erleichterung. Es ist der Feierabend nach einem viel zu langen Arbeitstag. Der Motor wird abgestellt. Die Stille kehrt ein.


3. Der kalifornische Wald: Die Fesseln fallen

(Thanissaro Bhikkhu)

Reisen wir in den weiten Wald zu Thanissaro Bhikkhu. Er schaut sich die Wurzeln der Worte an. Nibbana (Pali) setzt sich zusammen aus Ni (ohne) und Vana (Bindung/Fessel). Es geht also gar nicht ums „Ausblasen“. Es geht ums Losbinden. Er übersetzt es oft mit „Unbinding“ (Entfesselung / Loslösung).

„Die Wahrheit von der Entfesselung.“

Der Körper-Check: Stellen Sie sich vor, Sie sind an einen Stuhl gefesselt. Seile schneiden in Ihre Handgelenke. Sie können sich kaum bewegen, kaum atmen. Und dann: Unbinding. Die Knoten lösen sich. Die Seile fallen ab. Sie reiben sich die Handgelenke. Sie stehen auf. Sie strecken die Arme aus. Fühlt sich das an wie „Nichts“? Nein, es fühlt sich an wie grenzenlose Weite. Wie Souveränität.

Die Wirkung: Diese Übersetzung ändert alles. Das Ziel ist nicht, zu verschwinden. Das Ziel ist, frei zu sein. Frei von den Zwängen unserer Gier, frei von der Enge unserer Ängste, frei von den Fesseln unserer Konditionierung.


4. Der Garten der Heilung: Wohlsein

(Thich Nhat Hanh)

Zum Schluss besuchen wir den sonnigen Garten von Plum Village. Thich Nhat Hanh lächelt uns an. Er mag diese negativen Wörter („Nicht-Dies“, „Ent-Das“) nicht so sehr. Er will uns zeigen, was da ist, wenn das Leiden weg ist. Wenn das Fieber weg ist, was bleibt dann? Gesundheit. Er nennt es oft „Well-being“ (Wohlsein) oder „Transformation“.

„Die Wahrheit vom Wohlsein.“

Der Körper-Check: Denken Sie an den Moment, wenn pochende Kopfschmerzen plötzlich aufhören. Ist da „Nichts“? Nein, da ist eine wunderbare Klarheit. Da ist die Freude, einfach nur da zu sein, ohne Schmerz. Der Kompost (Leiden) hat sich in Blumen verwandelt.

Die Wirkung: Das macht uns Mut. Wir arbeiten nicht auf ein schwarzes Loch hin, sondern auf unsere eigene Heilung. Nirodha ist der Zustand völliger geistiger Gesundheit.


5. Fazit: Keine Angst vor der Kühle

Wenn wir diese Stimmen hören, verliert das Ziel seinen Schrecken.

Der Buddha wollte uns nicht vernichten. Er wollte das Fieber senken. Er sah, dass wir brennen – vor Gier, vor Hass, vor Aufregung. Dieses Brennen nennen wir oft „Leben“, aber eigentlich verzehrt es uns.

Die Dritte Edle Wahrheit ist das Versprechen, dass das Fieber sinken kann.

  • Nennen Sie es Erlöschen, wenn Sie Frieden und Kühle suchen.
  • Nennen Sie es Entwerden, wenn Sie die Last Ihres Egos ablegen wollen.
  • Nennen Sie es Entfesselung, wenn Sie Freiheit suchen.
  • Nennen Sie es Wohlsein, wenn Sie Heilung brauchen.

Es ist immer dasselbe Ziel: Der Moment, in dem wir aufhören zu kämpfen und anfangen, wirklich zu sein.


Zum nächsten Teil der Serie:
Der Pfad: Training statt Gebote