Dukkha: Alles ist Leiden?

Warum Lehrer von „Stress“ oder „Unzulänglichkeit“ sprechen und was das für uns bedeutet

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Stellen Sie sich vor, Sie betreten einen alten, holzgetäfelten Raum. Draußen tobt der Lärm der Welt, aber hier drinnen ist es still. In der Mitte des Raumes schwebt ein einziges Wort, alt wie Stein, rätselhaft wie ein Koan: Dukkha.

Es ist der Begriff, mit dem der Buddha vor 2500 Jahren den Finger in die Wunde unserer Existenz legte. Und um dieses Wort herum sitzen Menschen. Männer in Mönchsroben, Gelehrte in Anzügen, Dichter und Therapeuten. Sie alle starren auf dieses eine Wort, lauschen seinem Klang und versuchen dann, es für uns zu übersetzen.

Wenn wir als Anfänger diesen Raum betreten, hören wir meist nur die lauteste, dunkelste Stimme. Sie donnert: „Das Leben ist Leiden.“

Dieser Satz trifft uns oft wie ein Schlag in die Magengrube. Er klingt schwer, endgültig, freudlos. Klapp, Buch zu. Wer will schon eine Religion der Depression?

Doch bleiben Sie noch einen Moment. Setzen Sie sich zu den Übersetzern. Lauschen Sie, warum der eine „Leiden“ flüstert, der andere von „Stress“ spricht und der dritte sanft „Unwohlsein“ sagt. Wenn wir beginnen, diese Stimmen nicht als Widerspruch, sondern als Chor zu hören, geschieht etwas Wunderbares: Die Lehre wird plötzlich dreidimensional. Sie wird fühlbar.

Dies ist keine trockene Analyse von Vokabeln. Es ist eine Reise zu den Gefühlen, die diese Worte in uns auslösen. Denn wie wir die Welt benennen, entscheidet darüber, wie wir in ihr leben.


1. Wien, 1900: Die Schwere der Welt

(Karl Eugen Neumann)

Reisen wir zuerst zurück in das Wien der Jahrhundertwende. Man kann den Rauch der Kohleöfen fast riechen, das Kratzen der Feder auf dem schweren Papier hören. Hier sitzt Karl Eugen Neumann, ein Pionier, der eine titanische Last auf seinen Schultern trägt: Er will die Worte des Buddha erstmals ins Deutsche holen.

Neumanns Welt ist geprägt von Arthur Schopenhauer, dem Philosophen des Weltschmerzes. Es ist eine Zeit der Melancholie, des „Fin de Siècle“. Wenn Neumann auf das Wort Dukkha blickt, sieht er die Tragik des menschlichen Schicksals. Er greift nach Worten, die wie dunkle Glocken klingen: „Leiden“, „Elend“, „Qual“.

„Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden…“

Der Körper-Check: Sprechen Sie das Wort „Leiden“ einmal laut aus. Spüren nach. Was macht Ihr Körper? Vielleicht werden die Schultern schwer. Der Blick senkt sich. Der Atem wird flacher. Wir fühlen uns klein angesichts einer übermächtigen Last.

Die Wirkung: Diese Übersetzung hat eine enorme Würde. Sie ist wahr, wenn wir am Grab eines Freundes stehen oder eine Diagnose erhalten. Dann tröstet sie, weil sie den Schmerz nicht beschönigt. Aber am Montagmorgen, wenn einfach nur der Kaffee fehlt? Da wirkt sie wie eine zu große Rüstung, die uns erdrückt. Sie lässt uns denken, das Leben sei ein Jammertal, aus dem wir fliehen müssen.


2. Kalifornien, heute: Der Lärm im Kopf

(Thanissaro Bhikkhu)

Schnitt. Wir sind in einem Waldkloster in Kalifornien. Die Luft ist klar, Grillen zirpen, die Sonne brennt. Hier sitzt Thanissaro Bhikkhu, ein amerikanischer Mönch. Er blickt nicht auf das Wien des 19. Jahrhunderts, sondern auf uns, die modernen Menschen mit Smartphones, Deadlines und Burnout.

Er sieht, dass wir nicht an Weltschmerz leiden, sondern an Überhitzung. An dem ständigen „Ich muss noch schnell…“. Deshalb wählt er ein Wort, das nicht nach Kirche klingt, sondern nach Büro, Stau und Alltag. Er übersetzt Dukkha mit „Stress“.

„Geburt ist stressig, Alter ist stressig, Tod ist stressig…“

Der Körper-Check: Sagen Sie das Wort „Stress“. Spüren Sie den Unterschied? Der Magen zieht sich zusammen. Der Puls geht leicht hoch. Wir spüren eine Anspannung, einen Fluchtinstinkt. Aber wir fühlen uns nicht ohnmächtig. Stress ist etwas, das wir haben, nicht etwas, das wir sind.

Die Wirkung: Diese Übersetzung holt den Buddha vom Altar direkt an unseren Schreibtisch. Sie macht uns handlungsfähig. Wenn der Buddha sagt: „Die Ursache ist Verlangen“, verstehen wir sofort: „Ah, ich habe Stress, weil ich gerade will, dass der Stau sich auflöst. Wenn ich lockerlasse, sinkt der Stress.“ Das ist keine Religion mehr, das ist ein Werkzeugkasten. Es ist greifbar. Die Gefahr ist nur: Wir könnten denken, es ginge bloß um ein bisschen Wellness und Entspannung und vergessen darüber, dass Krankheit und Tod mehr sind als nur „stressig“.


3. Das helle Studierzimmer: Die Unzulänglichkeit

(Fritz Schäfer / Paul Debes)

Wir kehren zurück nach Deutschland, aber die Atmosphäre hat sich gewandelt. Vergessen Sie den Kohlerauch Wiens. Wir betreten ein helles, aufgeräumtes Studierzimmer. Die Luft ist kühl und klar, auf dem Schreibtisch liegen präzise Notizen, eine Lupe, ein Lineal. Hier arbeiteten Denker wie Fritz Schäfer und Paul Debes.

Sie blickten auf den Buddhismus nicht mit dem Herzen eines Dichters, sondern mit dem Verstand eines Analytikers. Sie wollten wissen, wie die Welt gebaut ist. Schäfer störte sich am emotionalen Drama des Wortes „Leiden“. Er suchte nach der Struktur hinter dem Schmerz. Er fand Begriffe wie „Unzulänglichkeit“ oder „Ungenügen“.

Stellen Sie sich Schäfer wie einen Gutachter vor, der das Fundament eines Hauses prüft und feststellt: „Das Material ist für diese Last nicht gemacht.“

„Das Leben ist unzulänglich.“

Der Körper-Check: Probieren Sie es aus: „Diese Situation ist unzulänglich.“ Was passiert in Ihnen? Die Hitze geht raus. Es entsteht eine kühle Distanz. Ein sachliches Nicken. Der Kopf wird klarer, der Puls beruhigt sich. Wir treten einen Schritt zurück.

Die Wirkung: Denken Sie an den leeren Moment am Sonntagabend. Nichts ist wirklich schlimm, aber irgendwie fühlt sich das Wochenende „nicht genug“ an. Oder an den neuen Partner, der wunderbar ist, aber Sie trotzdem nicht „ganz“ machen kann. Schäfers Übersetzung ist wie ein weiser, nüchterner Freund, der uns die Hand auf die Schulter legt und sagt: „Erwarte nicht vom Leben, dass es das Paradies ist. Es ist halt… bauartbedingt unvollkommen.“ Das befreit uns von der ständigen Enttäuschung. Wir hören auf, vom Stuhl zu verlangen, dass er uns umarmt. Wir nehmen das Leben, wie es ist, unperfekt, aber verstehbar.


4. Das Sanatorium des Herzens: Unwohlsein

(Thich Nhat Hanh)

Und nun wird es ganz still. Wir befinden uns in Südfrankreich, in Plum Village. Mönche und Nonnen gehen langsam, schweigend durch einen Eichenhain. Eine Glocke läutet sanft im Wind. Hier lebte Thich Nhat Hanh, der vietnamesische Zen-Meister, dessen Stimme so leise war, dass man sich vorbeugen musste, um ihn zu hören.

Er sah unser Dukkha weder als tragisches Schicksal noch als strukturellen Baumangel. Er sah es mit den Augen der Liebe. Er wählte oft den Begriff „Ill-being“ (Unwohlsein), als sanften Gegenpol zum „Well-being“ (Wohlsein). Für ihn waren beide untrennbar verbunden, wie der Schlamm und der Lotos.

„Wir müssen unser Unwohlsein umarmen.“

Der Körper-Check: Stellen Sie sich vor, in Ihnen ist ein Schmerz oder eine Angst. Nennen Sie es nicht „Leiden“, nennen Sie es „ein Unwohlsein“. Spüren Sie, wie sich Ihre Haltung ändert? Statt gegen einen Feind zu kämpfen („Geh weg!“), wenden Sie sich einem verletzten Teil zu. Sie werden weicher. Sie öffnen die Arme.

Die Wirkung: Diese Sprache ist pure Medizin. Sie verhindert, dass wir im spirituellen Kampf gegen uns selbst verhärten. Thich Nhat Hanh lehrte: Wenn ein Baby weint, bestraft die Mutter es nicht. Sie nimmt es hoch. Genau so sollen wir mit unserem Dukkha umgehen. „Unwohlsein“ klingt nicht nach Verdammnis, sondern nach Pflegebedürftigkeit. Es lädt uns ein, uns selbst zu trösten, statt uns zu optimieren.


5. Der Einkaufswagen des Lebens

Welches Wort stimmt denn nun? Vielleicht hilft uns ein Bild, das wir alle kennen, viel besser als jedes Sanskrit-Wörterbuch.

Denken Sie an den Einkaufswagen im Supermarkt.

  • Sukha (Glück) ist der Wagen, der frisch geölt ist. Er gleitet lautlos über den Boden. Es ist ein Genuss, ihn zu schieben.
  • Dukkha ist dieser eine Wagen, den wir immer erwischen. Das linke Vorderrad flattert wild. Er zieht ständig nach rechts. Wir müssen mit dem Handgelenk gegensteuern. Es quietscht. Es ruckelt.

Ist dieser Wagen „Leiden“? Das wäre ein großes Wort für ein flatterndes Rad. Ist er „Stress“? Ja, definitiv. Ist er „unzulänglich“? Absolut, er tut nicht, was er soll.

Das ist Dukkha. Es ist das Ruckeln im Getriebe des Lebens. Mal ist es ein leises Quietschen (Unzufriedenheit), mal blockiert das Rad komplett (Krankheit, Tod).

Wir dürfen all diese Wörter benutzen wie Werkzeuge. Wenn Sie trauern, nutzen Sie „Leiden“. Geben Sie dem Schmerz seine Würde. Wenn Sie sich ärgern, nutzen Sie „Stress“. Atmen Sie durch. Wenn Sie enttäuscht sind, nutzen Sie „Unzulänglichkeit“. Lächeln Sie über die Unperfektheit der Welt.


6. Ein deutsches Wortgeschenk: „Entwerden“

Zum Schluss noch ein Blick auf das Ziel. Die Dritte Wahrheit. Wie nennen wir das Ende von Dukkha? Oft hören wir „Erlöschen“ (Nirodha). Das macht uns Angst. Wir denken an eine Kerze, die ausgepustet wird. Dunkelheit. Kälte. Nichts.

Hier hat Fritz Schäfer der deutschen Sprache ein Geschenk gemacht. Er prägte das Wort „Entwerden“.

Spüren Sie hinein: Entwerden. Das ist nicht Tod. Das ist das Gegenteil von dem Druck, ständig etwas werden zu müssen. Wir rennen unser Leben lang im Hamsterrad des Werdens: Reicher werden, schöner werden, besser werden, erleuchtet werden. Dieser Motor (Bhava-Tanha) ist es, der das Rad zum Flattern bringt.

„Entwerden“ heißt: Den Motor abstellen. Die Rüstung ablegen. Aufhören, sich aufzublähen. Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach einer langen Wanderung mit schwerem Rucksack nach Hause. Sie lassen den Rucksack von den Schultern gleiten. Sie lösen sich nicht in Luft auf. Sie sind noch da. Aber die Last ist weg. Sie müssen nichts mehr tragen. Sie müssen nichts mehr sein.

Das ist Nirodha. Das Ende des Brennens.


7. Fazit: Probieren Sie es an

Der Buddha sagte einmal, seine Lehre sei wie ein Floß: Man nutzt es, um über den Fluss zu kommen, aber man schleppt es am anderen Ufer nicht weiter auf dem Kopf herum.

Genauso ist es mit diesen Worten. Sie sind keine Dogmen, die Sie glauben müssen. Sie sind Einladungen zum Fühlen.

Nehmen Sie diese Begriffe in den nächsten Tagen mit in Ihren Alltag. Probieren Sie sie an wie Kleidungsstücke. Wenn es eng wird, fragen Sie sich: „Ist das Leiden? Ist das Stress? Oder ist es einfach nur das unrunde Rad?“ Beobachten Sie, welches Wort Ihr Herz weich macht und Ihren Griff lockert.

Denn genau darum ging es dem Buddha: Nicht um das richtige Wort im Wörterbuch. Sondern um den Moment, in dem wir den Rucksack absetzen und tief, ganz tief durchatmen.


Zum nächsten Teil der Serie:
Tanha: Der endlose Durst