Gesetz 3: Wahre Identität finden

Wer bin ich wirklich?

Du kennst bereits das Prinzip der Vergänglichkeit (Anicca) und die damit verbundene subtile Unzufriedenheit (Dukkha). Diese Einsichten führen uns zum dritten grundlegenden Daseinsmerkmal: Anattā, oft übersetzt als „Nicht-Selbst“ oder „ohne festen Kern“. Diese Einsicht kann anfangs verwirrend sein, birgt aber enormes Potenzial für Befreiung.

Anna und die vielen „Ichs“

Denken wir an Anna. Wie würde sie sich beschreiben? „Ich bin eine Marketingmanagerin.“ „Ich bin eine gute Freundin.“ „Ich bin manchmal ungeduldig.“ „Ich habe blonde Haare.“

Diese Aussagen scheinen ein klares Bild von „Anna“ zu zeichnen. Aber was ist dieses „Ich“, das da spricht?

  • Ist sie immer Marketingmanagerin? Was, wenn sie den Job wechselt?
  • Ist sie in jeder Situation eine „gute Freundin“ auf dieselbe Weise?
  • Ist ihre Ungeduld ein fester Wesenszug oder taucht sie nur unter bestimmten Bedingungen auf?
  • Ihre blonden Haare verändern sich und werden ergrauen.

Wenn wir genauer hinschauen, bemerken wir: All diese Aspekte, die Anna zu „Anna“ machen, sind veränderlich (Anicca), abhängig von Bedingungen und nicht aus sich selbst heraus existent.

Anattā: Kein fester, unabhängiger Kern

Die Lehre von Anattā besagt, dass es in den sich ständig verändernden körperlichen und geistigen Phänomenen, die wir als „Person“ erleben, keinen beständigen, unveränderlichen, unabhängigen Kern gibt – kein fixes „Selbst“, keine ewige „Seele“ im Sinne einer autonomen Einheit.

Das, was wir als „Ich“ bezeichnen, ist vielmehr ein dynamisches Zusammenspiel von fünf Gruppen von Daseinsfaktoren (Khandhas), die alle vergänglich sind:

  1. Körperlichkeit (Rūpa): Unser physischer Körper, unsere Sinne.
  2. Gefühle (Vedanā): Angenehme, unangenehme und neutrale Gefühle.
  3. Wahrnehmungen (Saññā): Die Art, wie wir Sinnesreize erkennen und benennen.
  4. Geistesformationen (Saṅkhāra): Unsere Willensregungen, Gedankenmuster, Gewohnheiten und Meinungen.
  5. Bewusstsein (Viññāṇa): Das grundlegende Gewahrsein von Sinnes- und mentalen Objekten.

Keines dieser Aggregate, weder einzeln noch in ihrer Gesamtheit, stellt ein permanentes „Ich“ dar. Sie sind wie ein Fluss – immer in Bewegung, aber ohne eine feste „Fluss-Einheit“, die unabhängig vom Wasser existiert.

Mögliche Missverständnisse und die befreiende Sicht

Die Lehre von Anattā kann zunächst beunruhigend sein:

  • „Bedeutet das, dass ich nicht existiere?“
    Nein, Anattā ist kein Nihilismus. Es leugnet nicht unsere konventionelle Existenz. Was geleugnet wird, ist die Illusion, dass es ein festes, von allem getrenntes „Ich“ gäbe, das diese Prozesse besitzt oder ist. Wir existieren als ein Prozess, nicht als eine feste Einheit.

  • „Wenn es kein Selbst gibt, wer handelt dann?“
    Es ist der Prozess von Ursache und Wirkung (Kamma), der sich fortsetzt. Gedanken, Worte und Taten erzeugen Ergebnisse und prägen den Strom des Bewusstseins, der sich von Moment zu Moment wandelt, ohne dass ein unveränderliches „Selbst“ daran beteiligt ist.

Die Einsicht in Anattā kann sehr befreiend sein:

  • Weniger Anhaftung: Wenn es kein festes „Ich“ gibt, das verteidigt werden muss, verlieren viele unserer Ängste, unser Stolz und unser Groll ihre Grundlage.
  • Mehr Flexibilität: Wir können Veränderungen leichter akzeptieren, wenn wir uns nicht mit einer starren Selbstdefinition identifizieren.
  • Mehr Mitgefühl: Wenn wir erkennen, dass auch andere „nur“ Prozesse sind, die von Bedingungen abhängen, kann das unser Mitgefühl vertiefen.

Anna beobachtet das „Nicht-Selbst“ im Alltag

Anna könnte beginnen zu bemerken:

  • Wie ihre Meinungen sich im Laufe der Zeit ändern. Ist „ihre“ Meinung wirklich so fest?
  • Wie unterschiedlich sie sich in verschiedenen sozialen Rollen verhält. Welches ist das „wahre“ Ich?
  • Wie Gedanken und Gefühle oft „von selbst“ auftauchen, ohne dass ein „Ich“ sie aktiv herbeigerufen hat.

Eine kleine Übung zur Erforschung von Anattā (fünf bis zehn Minuten):

  1. „Wer bin ich?“-Reflexion: Nimm dir ein paar Minuten Zeit und frage dich wiederholt: „Wer bin ich?“ Notiere die Antworten, die spontan auftauchen („Ich bin ein Denker“, „Ich bin müde“). Betrachte dann jede Antwort:
    • Ist das permanent und unveränderlich?
    • Bin ich das wirklich, oder ist das etwas, das ich erfahre?
    • Wenn dieser Aspekt wegfiele, wäre „ich“ dann immer noch da?
  2. Beobachte die fünf Aggregate in Aktion: Wähle eine kurze Zeitspanne (z. B. fünf Minuten) und versuche, deine Erfahrung durch die Brille der fünf Aggregate zu sehen:
    • Was nimmst du gerade körperlich wahr (Rūpa)?
    • Welche Gefühle sind präsent (Vedanā)?
    • Welche Wahrnehmungen tauchen auf (Saññā)?
    • Welche Gedanken sind aktiv (Saṅkhāra)?
    • Ist ein allgemeines Gewahrsein vorhanden (Viññāṇa)?
      Beobachte, wie diese Aspekte sich ständig verändern. Gibt es ein separates „Ich“, das sie kontrolliert?

Die Einsicht in Anattā ist ein fortschreitender Prozess des Loslassens. Es ist eine Einladung, die Freiheit jenseits der Fesseln eines starren Selbstbildes zu entdecken.

Wenn du erkennst, dass das „Ich“ nur ein Prozess ist und kein fester Kern – wie verändert das deine Sicht auf dich selbst und deine Beziehung zu anderen?

Serienanschluss: Die drei Daseinsmerkmale – Anicca, Dukkha und Anattā – bilden eine grundlegende Sicht auf die Realität. Im nächsten Teil wenden wir uns dem Prinzip zu, das erklärt, wie wir uns in dieser Realität bewegen: Kamma, das Gesetz von Ursache und Wirkung.