Wie die 37 Faktoren zusammenwirken
Schön, dass du wieder mitliest.
Nach unserem Blick auf die offenen Fragen kehren wir zu dem zurück, was sich im eigenen Leben erproben lässt: zum Üben. Dabei ist inzwischen einiges zusammengekommen. Achtsamkeit, Sammlung, die sieben Erleuchtungsglieder, der Achtfache Pfad – wie hängt das alles zusammen? Die siebenunddreißig erwachensfördernden Qualitäten (Bodhipakkhiyādhammā) bieten dafür eine Übersicht. Sie können dir helfen, Verbindungen zwischen vertrauten Übungen zu erkennen und deinen Weg mit etwas mehr Orientierung weiterzugehen.
Anna und die wiederkehrenden Lesezeichen
Anna sitzt am Sonntagnachmittag mit ihren Notizen am Tisch. Zwischen den Seiten stecken Zettel mit Begriffen, die ihr beim Üben wichtig geworden sind. Auf mehreren steht Achtsamkeit. Einmal gehört sie zum Achtfachen Pfad, einmal zu den Erleuchtungsgliedern, auf einer weiteren Seite zu den fünf Fähigkeiten.
Anna zieht die Zettel heraus und legt sie nebeneinander. Für einen Moment wirkt es, als hätte sie vieles gelesen und trotzdem die Übersicht verloren. Dabei ist ihre Praxis durchaus vertrauter geworden. Sie bemerkt öfter, wenn sie einem Gespräch nicht mehr folgt, und kann sich beim Sitzen freundlicher zum Atem zurückholen.
Also schließt sie das Heft und übt ein paar Minuten. Ein Gedanke an die nächste Arbeitswoche taucht auf. Anna bemerkt ihn, erinnert sich an den Atem und bleibt wieder bei dessen Bewegung. Anschließend schaut sie auf ihre Zettel: Hier war Achtsamkeit. Auch Bemühen war beteiligt. Und für einige Atemzüge entstand Sammlung.
Die Wörter bezeichnen offenbar verschiedene Seiten desselben Geschehens. Anna legt die Zettel wieder ins Heft. Die Wiederholungen machen sie jetzt neugierig: Vielleicht zeigen sie ihr gerade, wo die Verbindungen liegen.
Die 37 Faktoren als zusammenhängender Übungsweg
Die erwachensfördernden Qualitäten (Bodhipakkhiyādhammā) werden traditionell in sieben Gruppen zusammengefasst. Ihre Ausrichtung ist das Nachlassen von Gier, Hass und Verblendung, bis hin zur Befreiung. Eine einzelne Alltagserfahrung kann davon etwas verständlich machen, ohne schon das ganze Ziel zu verwirklichen.
1. Sieben Gruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten
Die vier Grundlagen der Achtsamkeit erschließen Körper, Gefühlston, Geist und die im Erleben erkennbaren Gesetzmäßigkeiten der Lehre. Sie geben der Beobachtung einen Rahmen.
Die vier rechten Anstrengungen betreffen das Vermeiden und Überwinden unheilsamer sowie das Entwickeln und Bewahren heilsamer Qualitäten. Sie beschreiben, worauf wir unser Bemühen richten.
Die vier Grundlagen innerer Kraft verbinden Sammlung mit heilsamem Wollen, Energie, geistiger Ausrichtung und prüfender Untersuchung. Sie zeigen, wodurch die Praxis tragfähig wird.
Die fünf Fähigkeiten sind Vertrauen, Energie, Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit. Als fünf Kräfte begegnen uns dieselben Qualitäten unter dem Gesichtspunkt ihrer Standfestigkeit gegenüber hinderlichen Einflüssen.
Die sieben Erleuchtungsglieder beschreiben Qualitäten, die zum Erwachen beitragen: Achtsamkeit, Untersuchung, Energie, Freude, Ruhe, Sammlung und Gleichmut. Aus unserer Reihe sind sie dir bereits vertraut.
Der Achtfache Pfad verbindet Verstehen und Absicht mit Rede, Handeln, Lebenserwerb, Bemühen, Achtsamkeit und Sammlung. Damit bleibt auch unser Verhalten gegenüber anderen Teil des Weges.
Zusammen ergeben diese Gruppen siebenunddreißig Einträge. Einige Fähigkeiten kommen darin mehrfach vor und erfüllen jeweils eine bestimmte Funktion.
2. Eine Fähigkeit in mehreren Zusammenhängen
Nehmen wir Annas Achtsamkeit: Beim Achtfachen Pfad steht sie im Zusammenhang mit ethischem Handeln und Einsicht. Als Erleuchtungsglied unterstützt sie das Entfalten weiterer heilsamer Qualitäten. Als Fähigkeit lässt sie sich schulen und wird mit wachsender Verlässlichkeit zur Kraft.
Anna braucht dafür keine drei verschiedenen Arten des Atmens. Sie kann an ihrer vertrauten Übung erkennen, wie Erinnern, Bemühen und Sammlung einander unterstützen. Die Gruppen helfen, dieses Geschehen genauer zu verstehen.
3. Die Übersicht an Erfahrung prüfen
Bei den drei Schulungen haben wir Ethik, Sammlung und Weisheit verbunden. Hier sehen wir genauer, welche Fähigkeiten dabei mitwirken. Die Übersicht wird nützlich, wenn ein Begriff auf etwas Erlebbares verweist: auf geduldiges Zurückkehren, ehrliches Prüfen oder einen weniger verletzenden Satz. So verbindet sich das Wissen mit dem eigenen Handeln.
Mögliche kritische Nachfragen:
- „Warum braucht es so viele Listen, wenn sich die Begriffe wiederholen?“
Die verschiedenen Gruppen machen unterschiedliche Zusammenhänge sichtbar: einmal die Felder der Beobachtung, einmal die Richtung des Bemühens, einmal die Qualitäten, die dabei wachsen. Ein vertrauter Begriff bekommt dadurch einen genaueren Platz, ohne seine Verbindung zu den anderen zu verlieren. Du kannst mit einer Gruppe beginnen und ihre Beziehungen nach und nach verstehen, statt die gesamte Übersicht auf einmal beherrschen zu müssen.
- „Muss ich alle siebenunddreißig Faktoren auswendig kennen?“
Für den Einstieg genügt, die sieben Gruppen als Orientierung wiederzuerkennen und eine Verbindung zur eigenen Praxis herzustellen. Auswendiglernen kann später hilfreich sein, wenn du gern so lernst; es sagt für sich genommen aber wenig darüber aus, wie du mit Ärger, Ablenkung oder anderen Menschen umgehst. Eine ehrlich beobachtete Rückkehr zum Atem gibt einem Begriff bereits mehr Bedeutung als das bloße Aufsagen seines Namens.
- „Kann ich mir einfach die Teile aussuchen, die mir gefallen?“
Ein vertrauter Zugang erleichtert den Anfang, und du musst nicht jeden Bereich gleichzeitig gleich stark üben. Zugleich lohnt es sich, offen für die Zusammenhänge zu bleiben: Sammlung entbindet beispielsweise nicht von Verantwortung für die eigene Rede. Die Übersicht lädt dazu ein, den gewählten Zugang weiter werden zu lassen, damit die Praxis auch dort wirksam wird, wo sie dich herausfordert.
Eine kleine Übung zum Zusammenspiel der Faktoren (fünf bis zehn Minuten)
Du brauchst für diese Übung nur eine vertraute Praxis und ein paar ruhige Minuten. Untersuche an einem kleinen Beispiel, wie mehrere Fähigkeiten zusammenwirken.
- Eine bekannte Übung wählen
Erinnere dich an einen Moment bewusster Atembetrachtung. Was hast du dabei tatsächlich getan? Vielleicht hast du die Atembewegung gespürt, eine Ablenkung bemerkt und deine Aufmerksamkeit zurückgebracht. Bleibe bei diesem überschaubaren Geschehen, statt deine gesamte Meditationspraxis zu bewerten.
- Das Zusammenwirken erkennen
Schau noch einmal genauer hin: Das Erinnern an die Übung gehört zur Achtsamkeit. Das freundliche Zurückkehren braucht Bemühen. Wenn du beim Atem bleiben kannst, zeigt sich etwas von Sammlung. Prüfe, welche dieser Beschreibungen zu deiner Erfahrung passt; du musst nicht alle zugleich wiederfinden.
- Die Verbindung selbst erproben
Übe nun für zwei bis drei Minuten mit dem Atem. Bemerke, wie sich Erinnern, Zurückkehren und Dabeibleiben gegenseitig unterstützen. Falls du häufig abschweifst, gehört auch dieses Bemerken zur Beobachtung. Danach halte kurz fest, welcher Zusammenhang dir etwas verständlicher geworden ist.
Eine kleine, selbst bemerkte Verbindung genügt. Von dort aus kann die Übersicht allmählich vertrauter werden.
Abschluss: Reflektierende Frage
Die siebenunddreißig Faktoren können sichtbar machen, wie viel in einer schlichten Übung zusammenkommt und wie eng innere Schulung mit unserem Verhalten verbunden ist. Du darfst die Übersicht langsam kennenlernen, an Erfahrungen, die du selbst prüfen kannst.
Bei welcher vertrauten Tätigkeit bemerkst du bereits, dass Achtsamkeit, Bemühen und Sammlung einander unterstützen – und welcher dieser Zusammenhänge war dir bisher wenig bewusst?
Serienanschluss: Aus der großen Übersicht wenden wir uns nun den vier Grundlagen der Achtsamkeit zu. Wir schauen, wie sich Körper, Gefühlston, Geist und hilfreiche oder hinderliche Muster innerhalb einer ganz gewöhnlichen Alltagssituation unterscheiden lassen.
