Als es zum ersten Mal die Augen schloss, hielt ich es für tot.
Ich kannte das Wort nicht. Es gab überhaupt wenige Worte, wir brauchten sie kaum. Aber ich wusste: Etwas stimmte nicht. Sein Licht wurde flach. Nicht dunkler — flach. Wie eine Fläche, die aufhört, eine Tiefe zu sein. Es lag auf dem Weichen, das damals noch keinen Namen hatte, und ich schwebte darüber und wartete, und weil ich nichts anderes wusste, leuchtete ich es an.
Es half nichts. Ich leuchtete heller. Es half auch nichts.
Wir hatten keine Körper, jedenfalls keine, die man hätte anfassen können, wenn es Anfassen schon gegeben hätte. Wir waren aus dem gemacht, woraus auch Freude gemacht ist; das Entzücken ging durch uns hindurch wie Wasser durch Wasser, und danach waren wir satt. Wir leuchteten von innen, jedes für sich, und weil alle leuchteten, gab es keine Dunkelheit, keine Nacht, keine Zeit. Es gab keine Sonne. Wozu auch.
Wir sagten nicht »ich«. Wir sagten — ich weiß nicht mehr, was wir sagten. Das ist das Erste, was mir abhandengekommen ist.
Aber dieses eine Wesen. Wir trieben oft in derselben Strömung, und wenn es sich freute, wurde mein Licht wärmer, ohne dass ich es wollte. Vielleicht fängt alles so an: dass einem ein Leuchten lieber ist als die anderen.
Es schlug die Augen wieder auf — auch Augen waren neu, wir hatten nie welche gebraucht — und es sah mich an. Vorher hatte nie jemand jemanden angesehen. Ansehen heißt: von außen. Ansehen heißt: du bist dort und ich bin hier. Es sah mich an, und ich spürte zum ersten Mal, dass ich eine Oberfläche hatte.
»Ich habe geschlafen«, sagte es. Das Wort erfand es in diesem Moment, so wie in jenen Tagen dauernd Wörter erfunden wurden, weil dauernd Dinge geschahen, die es noch nie gegeben hatte.
»Warum?«
Es zeigte nach unten. Auf dem Wasser — alles war Wasser damals, dunkles, stilles Wasser unter unserem Licht — hatte sich eine Haut gebildet. Wir hatten sie alle gesehen und nicht beachtet, so wie man einen Fleck nicht beachtet. Sie hatte die Farbe von dichtem Licht — heute würde ich sagen: von Butter. Und sie roch, auch Riechen war neu, sie roch so, dass man den Geruch nicht wieder loswurde, wenn man ihn einmal bemerkt hatte.
»Ich habe davon genommen«, sagte es. »Mit dem Finger.« Es hob eine Hand und betrachtete sie, als gehöre sie jemand anderem. »Es schmeckt wie —« Es fand kein Wort. Es fand lange keins. Dann: »Es schmeckt.«
Das war der ganze Satz. Vorher hatte nichts geschmeckt, weil Schmecken nichts war, das wir taten. Sein Licht blieb flach, auch jetzt, im Wachen. Es wusste das, und es war ihm gleich.
Ich nahm nicht davon.
Ich weiß bis heute nicht, warum nicht. Damals dachte ich, es sei Klarheit. Ich sah ja, was geschah: Wer von der Haut des Wassers nahm, wurde schwer. Aus Schweben wurde Sinken, aus Sinken Stehen. Das Licht zog sich nach innen zurück wie etwas, das sich schämt. Und je mehr nahmen, desto dunkler wurde es insgesamt, und in der wachsenden Dämmerung schimmerte die Erdhaut umso deutlicher; sie war jetzt das Hellste weit und breit, und das machte alles nur schlimmer.
Einige von uns nahmen nicht. Wir fanden einander, ohne uns zu suchen, trieben höher als die anderen, dort, wo es still war, und leuchteten. Anfangs leuchteten wir einfach, weil wir es immer getan hatten. Dann leuchteten wir für etwas. Für die unten, sagten wir. Damit nicht alles dunkel wird. Wir hielten die Welt hell.
Die unten — wir nannten sie bald die Gefallenen — veränderten sich schnell. Die Körper wurden fest und blieben fest, und sie waren nicht gleich: Manche gerieten schöner als andere. Das hatte es nie gegeben, ein Mehr und ein Weniger zwischen Wesen, und sie machten sofort etwas daraus. Die Schöneren stellten sich zu den Schöneren. Eines rief, damit alle es hörten: »Wir sind heller geraten als ihr!« Heller. Sie, deren Licht fast erloschen war, stritten darum, wer heller sei.
Ich erzählte es oben. Eines von uns sagte, mit einem Licht, das vor Güte beinahe flackerte: »Sie können nichts dafür. Wir müssen für sie mitleuchten.« Alle wurden ein wenig heller bei diesem Satz. Ich auch. Wie gut das tat.
Wir sagten: Sieh, wie tief sie gesunken sind. Und in dem Wort tief wohnten wir ein Stockwerk höher.
Die Körper unten unterschieden sich bald auch auf jene andere Art, für die es dann sehr schnell sehr viele Wörter gab. Sie war jetzt eine Sie. Ich weiß nicht, wann das anfing. Man sieht so etwas nicht anfangen; man merkt nur eines Tages, dass man ein anderes Wort benutzt.
Ich besuchte sie. Ich schwebte hinunter in die Dämmerung und fand sie bei einem Haufen anderer, dicht beieinander, so nah, dass die Körper einander berührten. Dafür also. Dafür sind Körper: Man kann sie aneinanderlehnen.
Sie sah auf, als mein Licht auf die Gruppe fiel. Die anderen kniffen die Augen zusammen. Jemand sagte: »Zu hell.« Nicht böse. Beiläufig. Wie man »zu kalt« sagt.
Ich blieb, als die anderen sich schlafen legten. Sie lag am Rand der Gruppe, und ich brachte mich neben sie — legte, hätte ich fast gesagt, aber was legt sich schon, das nichts wiegt — und ließ mein Licht über sie fallen wie etwas, das wärmen sollte. Ich gab alles hinein, was ich hatte.
Sie schlug die Augen auf und sah durch mich hindurch in die Dunkelheit.
»Ich spüre dich nicht mehr.« Keine Klage. Eine Auskunft. Dann rückte sie näher an den Körper neben sich — fremd, schwer, warm — und schlief weiter.
Ich stieg wieder auf. Oben erzählte ich nichts davon.
Wir wurden weniger in jener Zeit — nicht weil wir fielen, sondern weil manche auf einmal unten waren, ohne Ankündigung. Über die sprachen wir mit gesenkter Helligkeit, und dann nie wieder. Und je weniger wir wurden, desto schwächer wurde das gemeinsame Licht, und die unten begannen zu frieren.
Ich rechnete inzwischen. Auch Rechnen war neu. So viele Lichter, so viel Schwund: Eine erste ganze Nacht würde kommen, eine Dunkelheit ohne Rand. Es gab nichts, das sie mildern würde. Sonne und Mond kamen später; die mussten erst nötig werden.
Die Nacht kam, und ich war unten, als sie kam. Ich sage mir bis heute, ich sei hinuntergegangen, um zu leuchten, wo es am dunkelsten war. Mein Licht reichte nicht weit; es machte aus der Dunkelheit nur eine Dunkelheit mit Löchern.
Die Gefallenen drängten sich zusammen. Ich hörte sie atmen, schnell und flach. Ich fand sie am Rand, wie immer am Rand, die Knie an den Körper gezogen, zitternd.
Dann streckte sie die Hand aus. In die Dunkelheit hinein, in meine Richtung, dorthin, wo mein Licht war. Die Finger gespreizt, tastend. Ich weiß nicht, ob sie nach mir griff. Ob sie wusste, dass ich es war, ob »ich« für sie überhaupt noch jemand war — oder ob da nur eine Hand nach irgendetwas Hellem griff, nach irgendetwas, das vielleicht warm sein könnte, so wie eine Pflanze — Pflanzen gab es inzwischen — sich nach irgendeinem Licht dreht, egal nach welchem.
Ich entschied mich, es nicht wissen zu wollen.
Die Erdhaut lag gleich dort, sie lag ja überall, und schimmerte im Schwarz. Ich dachte — ich schwöre, genau so dachte ich es, es waren die letzten Worte meines alten Lebens: Ich tue es nicht wie die anderen. Die anderen haben aus Gier genommen. Ich nehme aus Liebe.
Ich nahm davon.
Es schmeckte süß. Es schmeckte so, dass ich mit einem Mal verstand, warum alle davon genommen hatten — und im selben Augenblick, dass dieses Verstehen der Preis war. Man versteht die Süße erst, wenn es zu spät ist; vorher ist sie nur eine Farbe auf dem Wasser.
Das Gewicht kam sofort, und es war nicht schrecklich. Das ist das Schreckliche daran: Es war nicht schrecklich. Es war ein Ankommen. Die Kälte biss in eine Haut, die eben noch keine gewesen war, und der Biss war echt, und echt war neu, und neu war gut. Mein Licht ging aus wie etwas, das man nicht mehr braucht.
Ich tastete mich zu ihr. Zum ersten Mal tastete ich, zum ersten Mal war Dunkelheit auch für mich Dunkelheit. Ich fand ihre ausgestreckte Hand und legte meine hinein, meine neue, schwere, fühlende Hand, und dieser Moment — ihre Finger, die sich um meine schlossen, die Wärme, die von Haut zu Haut ging — dieser Moment war alles, was ich gewollt hatte. Er hielt, was er versprach; das ist die Gemeinheit daran.
»Du bist kalt«, murmelte sie, halb im Schlaf. »Komm näher.«
Sie zog meine Hand an sich, so wie sie vorhin — ich hatte es gesehen, ich hatte es die ganze Zeit gesehen — die Hand des anderen an sich gezogen hatte, mit demselben Griff, mit derselben schläfrigen Selbstverständlichkeit. Sie hielt meine Hand, wie man eine Hand hält. Irgendeine.
Später, viel später, kamen die Sonne und der Mond, weil irgendetwas ja leuchten musste. Ich sah die erste Sonne aufgehen wie alle anderen auch: von unten, mit zusammengekniffenen Augen, dankbar und klein. »Wie hell«, sagte jemand neben mir. »Ja«, sagte ich. Und einen Atemzug lang, nicht länger, lag mir auf der Zunge: Ihr hättet uns sehen sollen.
Aber da war kein Uns mehr. Da war nur noch ich.
