Angenehm, unangenehm, neutral
Willkommen beim Geschmack der Erfahrung
Schön, dass du weiter dabei bist. Nachdem wir in der letzten Unterweisung unseren Körper als eine Landschaft aus Elementen betrachtet haben, gehen wir nun einen Schritt weiter – oder besser gesagt: tiefer. Wir schauen uns an, wie wir die Welt unmittelbar erleben, noch bevor wir sie in Worte fassen. Sobald unsere Sinne Kontakt mit der Welt aufnehmen, passiert etwas Blitzschnelles. Noch bevor wir denken „Das ist eine Tasse Kaffee“ oder „Das ist mein Chef“, haben wir bereits gefühlt. Dieser erste, unmittelbare „Geschmack“ einer Erfahrung nennt der Buddha Vedanā (Empfindung). Es ist die fundamentale Färbung unseres Erlebens, und genau hier entscheidet sich oft, ob unser Tag glücklich oder stressig wird.
Anna und die E-Mail
Es ist Montagmorgen. Anna sitzt im Büro, der Computer macht plötzlich Pling. Eine neue E-Mail vom Abteilungsleiter landet im Posteingang. Betreff: „Gesprächsbedarf heute Nachmittag“. In Millisekunden passiert etwas in ihrem System. Noch bevor sie die Mail anklickt, zieht sich Annas Magen zusammen. Ein unangenehmes Gefühl durchflutet sie – eine Mischung aus Enge und plötzlicher Hitze.
Sofort springt ihr Kopf an: „Was hab ich falsch gemacht? Werde ich gefeuert? Der Chef mochte mich eigentlich noch nie!“ Sie ist innerhalb von Sekunden im Alarmzustand. Ihre Hände werden schwitzig, der Atem flach. Sie ist komplett identifiziert mit der Angst und dem Widerstand.
Anna hält jedoch inne. Sie erinnert sich an die Praxis der Empfindungen. Sie atmet tief in den Bauch hinein und versucht, unter die Geschichte („Ich verliere meinen Job“) zu schauen. Was ist da wirklich präsent? Da ist ein Geräusch. Da ist eine unmittelbare Empfindung – unangenehm, bedrohlich, eng. Das ist alles. Die ganze dramatische Geschichte darüber, was das für ihre Zukunft bedeutet, hat ihr Kopf erst danach erfunden, um dieses unangenehme Gefühl zu erklären. Indem sie bei der reinen Empfindung „unangenehm“ bleibt und sie einfach nur als körperliches Phänomen beobachtet, ohne sofort darauf zu reagieren, gewinnt sie ihre Handlungsfähigkeit zurück. Sie öffnet die Mail mit einer gewissen Ruhe. Es geht um die Planung der Weihnachtsfeier. Anna muss lachen. Ihr ganzes inneres Drama basierte auf einer automatischen Reaktion auf ein unangenehmes Gefühl.
Empfindung (Vedanā) verstehen
Vedanā meint hier nicht komplexe Emotionen wie „Liebe“ oder „Trauer“, sondern die ganz primäre, fast biologische Bewertung jeder Erfahrung. Alles, was wir sehen, hören, schmecken, riechen, tasten oder im Geist denken, hat augenblicklich eine von drei „Geschmacksrichtungen“:
1. Angenehm (Sukha) Ein warmer Sonnenstrahl, das Lächeln eines Kindes, ein Bissen Obst. Unsere automatische Reaktion ist Gier: „Ich will mehr davon! Ich will es festhalten!“ Wir versuchen, den Moment einzufrieren, was jedoch unmöglich ist.
2. Unangenehm (Dukkha) Ein Schmerz, ein schriller Alarmton, ein abfälliger Blick oder Kritik. Unsere automatische Reaktion ist Abneigung: „Weg damit! Das darf nicht sein!“ Wir kämpfen gegen die Realität an. Dieser Widerstand erzeugt oft mehr Leid als der ursprüngliche Reiz selbst.
3. Neutral (Adukkham-asukha) Das Gefühl der Socken an den Füßen, die Tapete an der Wand, das Summen des Computers. Unsere automatische Reaktion ist Desinteresse: „Langweilig, ignorieren.“ Wir schalten ab und suchen oft nach dem nächsten Reiz.
Das Problem ist nicht die Empfindung selbst. Das Problem ist unsere mechanische Reaktion darauf. Ohne Achtsamkeit sind wir wie Marionetten: Das Angenehme zieht uns, das Unangenehme stößt uns ab. Wir verbringen fast unser ganzes Leben damit, dem Angenehmen hinterherzurennen und das Unangenehme krampfhaft zu vermeiden. Freiheit beginnt genau in dem Moment zwischen der Empfindung („Ah, da ist etwas Unangenehmes“) und der Reaktion („Ich muss sofort etwas tun“). Wenn wir diesen Raum nutzen, kappen wir die Marionettenfäden.
Mögliche kritische Nachfragen:
„Soll ich jetzt ein gefühlskalter Roboter werden?“
Nein. Wenn du aufhörst, krampfhaft am Angenehmen zu haften, kannst du es viel tiefer genießen. Du bist ganz präsent, ohne die subtile Angst, dass der Moment gleich vorbei ist. Und du erträgst das Unangenehme leichter, weil du nicht noch den mentalen Ballast des „Warum passiert mir das?“ obendrauf packst. Du wirst emotional lebendiger, aber weniger getrieben.„Ist ein ‚neutrales‘ Leben nicht einfach nur öde?“
Zunächst vielleicht. Unser Gehirn ist auf ständige Kicks konditioniert. Aber wenn du das Neutrale achtsam erforschst, entdeckst du darin einen tiefen Frieden. Es ist die wohltuende Stille zwischen den Stürmen. Wenn wir lernen, neutrale Momente wertzuschätzen, wird unser Alltag viel weniger anstrengend.„Wie hilft mir das bei echten Schmerzen?“
Schmerz hat zwei Teile: Den ersten Pfeil – die reine körperliche Empfindung (unangenehmes Vedanā). Den zweiten Pfeil – unsere Reaktion (Wut, Angst). Den ersten Pfeil können wir oft nicht kontrollieren. Aber den zweiten Pfeil müssen wir uns nicht selbst verpassen. Ohne den Widerstand reduziert sich das subjektive Leiden massiv.
Eine kleine Übung: Vedanā etikettieren (fünf bis zehn Minuten)
Diese Übung kannst du überall machen. Sie hilft dir, den Autopiloten deiner Bewertungen zu stoppen.
Den Fokus setzen
Setze dich für ein paar Minuten ruhig hin oder mache es während einer einfachen Alltagstätigkeit. Atme tief durch und komme ganz bei dir an.Wahrnehmen und sanft benennen
Achte auf alles, was in dein Bewusstsein tritt: Ein Geräusch, ein Jucken, ein Gedanke. Benenne nur die Qualität der Empfindung:
- Wenn es sich gut anfühlt: Sage innerlich sanft „Angenehm“.
- Wenn es stört oder wehtut: Sage innerlich „Unangenehm“.
- Wenn es weder gut noch schlecht ist: Sage innerlich „Neutral“.
- Die Reaktion beobachten
Schau ganz wertfrei, was dein Geist als Nächstes tun will. Will er das Angenehme festhalten? Will er das Unangenehme loswerden? Bemühe dich, für einen Moment gar nichts zu tun. Sag dir innerlich: „Es ist nur eine Empfindung. Sie kommt und geht von selbst.“
Abschluss: Reflektierende Frage
Wir verbringen viel Energie damit, die Welt so zu manipulieren, dass wir nur noch Angenehmes erleben. Hat das jemals dauerhaft funktioniert?
Wie viel innere Freiheit würdest du gewinnen, wenn du innerlich „Ja“ zu deinem Erleben sagen könntest, egal ob der Moment gerade angenehm, unangenehm oder neutral gefärbt ist?
Serienanschluss: Empfindungen sind die Rohdaten. Aber was macht unser Gehirn daraus? Es beginnt sofort, Bilder und Geschichten zu bauen. Im nächsten Schritt untersuchen wir das dritte Aggregat: die Wahrnehmung (Saññā), und wie sie uns oft täuscht.
