Im Auge des digitalen Sturms

Leuchtende Person im Lotussitz, umgeben von digitalen Medien‑ und Social‑Icons sowie Nachrichten.

Wie wir bei Wut und Ohnmacht unsere Mitte wiederfinden

Kennst du das auch? Man nimmt das Handy in die Hand, vielleicht nur um kurz die Uhrzeit zu checken oder eine Nachricht zu schreiben, und zehn Minuten später fühlt man sich völlig erschöpft. Der Brustkorb ist eng, der Kopf fühlt sich schwer an, das Herz rast ein wenig schneller als zuvor. Es ist ein schleichender Prozess: Ein Klick führt zum nächsten, ein Video zum nächsten Kommentar, und plötzlich stecken wir mitten in einem Strudel aus Emotionen, die wir gar nicht gerufen haben.

Der Januar 2026 macht es uns nicht leicht. Wenn wir in diesen Tagen durch unsere Timelines scrollen, prasseln Ereignisse auf uns ein, die kaum zu verarbeiten sind. Da sind die erschütternden Nachrichten aus Minnesota, wo Renee Good und Alex Pretti bei einem Einsatz von Bundesorganen ums Leben kamen – Vorfälle, die uns fassungslos zurücklassen. Da ist dieser verstörende Skandal um die KI „Grok“, die plötzlich tief in die Privatsphäre von Menschen eingreift und uns mit einer Flut an manipulierten Bildern konfrontiert.

Wenn wir uns angesichts dieser Nachrichtenflut wütend, hilflos oder überfordert fühlen, dann ist das keine spirituelle Schwäche. Es ist eine völlig normale, menschliche Reaktion. Wir sind fühlende Wesen, keine Maschinen. Unser Herz reagiert auf Ungerechtigkeit und Leid. Doch die Art und Weise, wie soziale Medien uns diese Nachrichten servieren, bringt uns oft an einen Punkt, an dem wir uns selbst verlieren. Wir brennen innerlich aus, noch bevor wir den ersten klaren Gedanken fassen konnten.

Der Dharma – die Lehre des Buddha – ist hier kein erhobener Zeigefinger, der uns sagt, wir sollten „besser“ oder „ruhiger“ sein. Er ist eher wie ein kühles Tuch auf einer heißen Stirn. Er hilft uns zu verstehen, warum wir so leiden, und zeigt uns einen Weg, wie wir für uns sorgen können, ohne abzustumpfen.

Warum uns das Internet „einfängt“: Ein Blick in den Geist

Bevor wir uns den Lösungen zuwenden, lohnt es sich zu verstehen, warum uns diese Nachrichten überhaupt so tief in den Bann ziehen. Unser Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, auf Gefahren und negative Reize stärker zu reagieren als auf positive. In der Steinzeit war das lebenswichtig. Heute nutzen die Algorithmen der sozialen Netzwerke genau diesen „Negativitäts-Bias“ aus. Eine Nachricht über Gewalt oder einen Skandal aktiviert sofort unser Warnsystem.

Dazu kommt die sogenannte „Empörungs-Ökonomie“. Jede Reaktion, jeder wütende Kommentar und jedes geteilte Video bringt den Plattformen Aufmerksamkeit und damit Geld. Wir werden also gezielt in Zustände der Erregung versetzt. Wenn wir uns also das nächste Mal dabei ertappen, wie wir wütend auf den Bildschirm starren, können wir uns kurz sagen: „Ah, mein System reagiert gerade genau so, wie es für diesen Algorithmus geplant war.“ Dieses Erkennen schafft den ersten Millimeter Abstand zwischen uns und dem Reiz.

Die Wut und die Ohnmacht: Das Beispiel Minnesota

Schauen wir uns an, was passiert, wenn wir die Bilder aus Minnesota sehen. Zwei Menschen, Renee Good und Alex Pretti, sind tot. Berichte über einen fünfjährigen Jungen, der von Beamten abgeführt wird, lösen einen tiefen Beschützerinstinkt aus. Es ist ganz natürlich, dass da sofort etwas in uns hochkocht. Wir spüren eine Mischung aus Trauer und einer fast körperlichen Wut auf die Umstände, die so etwas zulassen.

In der buddhistischen Psychologie nennen wir diese Reaktion oft Aversion oder Widerstand (Dosa). Aber seien wir ehrlich: Es fühlt sich oft eher an wie Verzweiflung. Wir sehen das Leid und wollen, dass es aufhört. Und weil wir oft nur zuschauen können, wandelt sich diese Hilflosigkeit in rasende Wut um. Die sozialen Medien bieten uns dann ein Ventil an: den zornigen Kommentar, das empörte Teilen, die Feindseligkeit gegen eine ganze Gruppe.

Für einen kurzen Moment fühlt sich das gut an. Es gibt uns das Gefühl, etwas zu tun. Wir beziehen Position, wir zeigen Kante. Aber wenn wir ehrlich in uns hineinhorchen: Geht es uns danach wirklich besser? Oder fühlen wir uns nur noch aufgewühlter, getrennter und bitterer?

Der Dharma lädt uns ein, hier eine feine Unterscheidung zu treffen: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Wahrnehmen von Unrecht und dem Versinken in Hass. Wenn wir merken, dass die Wut uns zu überwältigen droht, können wir versuchen, den Fokus sanft zu verschieben: weg von der Frage nach Schuld und Verursachern, hin zu den Betroffenen. Anstatt unsere Energie darauf zu verwenden, in Gedanken gegen ein Feindbild zu kämpfen, können wir unser Herz für Renee, für Alex und ihre Familien öffnen. Hass zieht uns zusammen, macht uns hart und eng. Mitgefühl (Karuna) hingegen hält das Herz weich und weit. Wir können uns sagen: „Ich sehe dieses Leid. Es tut mir unendlich leid, dass das passiert ist.“

Die schwerste Übung: Das Herz nicht verschließen

Und hier mutet uns der Dharma etwas zu, das sich im ersten Moment fast unmöglich anfühlt – vielleicht sogar falsch. Der Buddha lehrt uns, dass unser Mitgefühl keine Grenzen haben darf. Das heißt: Es gilt nicht nur für die Opfer. Es gilt auch für jene, die das Leid verursacht haben.

Vielleicht spürst du beim Lesen einen inneren Widerstand. Warum sollte man Mitgefühl mit jemandem haben, durch dessen Handeln andere sterben mussten? Haben sie das überhaupt „verdient“? Aber im buddhistischen Sinne ist Mitgefühl keine Belohnung für gutes Verhalten. Es ist einfach der Wunsch: „Möge dieses Wesen frei von Leiden sein. Möge es frei von den Ursachen sein, die es dazu bringen, Schmerz zu verursachen.“

Ein Mensch, der Gewalt ausübt oder Hass sät, handelt oft aus massiver eigener Verblendung, aus Angst oder tief sitzenden Konditionierungen. Er schafft in diesem Moment riesiges Leid für andere und lädt gleichzeitig schweres Leid auf sich selbst. Das zu erkennen, bedeutet nicht, die Tat gutzuheißen. Es bedeutet nicht, dass es keine gerechten Konsequenzen oder eine rechtsstaatliche Aufarbeitung geben soll. Aber es erlaubt uns, die Situation ohne diesen brennenden, alles verzehrenden Hass zu betrachten.

Das ist unglaublich schwer. Wir müssen uns nicht verurteilen, wenn es uns heute oder morgen noch nicht gelingt. Aber schon der Versuch, das Gegenüber nicht als abstraktes Monster, sondern als fehlgeleiteten Menschen zu sehen, schützt vor allem eines: unseren eigenen Geist.

Der Buddha verglich Wut mit einem glühenden Stück Kohle. Wir heben es auf, um es nach jemand anderem zu werfen – aber wir sind die Ersten, die sich dabei die Hand verbrennen. Der Schmerz entsteht bei uns, lange bevor wir den anderen überhaupt treffen. Wenn wir den Hass loslassen, tun wir das für uns. Damit wir nachts schlafen können. Damit unser Herz nicht versteinert und wir nicht selbst zu dem werden, was wir bekämpfen. Es ist ein Akt der radikalen Selbstfürsorge.

Der Buddha gab uns dazu im Dhammapada (Vers 5) eine zeitlose Orientierung, die gerade in Zeiten von „Shitstorms“ und digitaler Hetze wie ein Anker wirkt:

Noch nie in dieser Welt
Hat Hass gestillt den Hass.
Nur liebende Güte stillt den Hass.
Dies ist ein ewiges Gesetz.

Dhammapada von „HERDER spektrum“

In der Hitze einer Online-Diskussion klingt das fast provokant. Aber es erinnert uns daran, dass wir kein Feuer löschen können, indem wir Benzin hineingießen. „Nicht-Hass“ bedeutet die mutige Entscheidung, das Spiel der Eskalation nicht mitzuspielen.

Der Spiegel der Sensation: Der KI-Skandal und unsere Integrität

Wechseln wir die Szene. Neben der Wut gibt es noch eine andere Kraft, die uns im Netz den Boden unter den Füßen wegzieht: die Gier nach Sensationen und der Reiz des Voyeurismus. Das aktuelle Beispiel ist der Skandal um Elon Musks KI „Grok“, die massenhaft Bilder generiert, die Menschen gegen ihren Willen entblößen oder in entwürdigenden Situationen zeigen.

Warum verbreitet sich so etwas wie ein Lauffeuer? Warum klicken wir doch hin, obwohl wir wissen, dass es falsch ist? Weil es Mechanismen in uns anspricht, die uralt sind: Neugier und die Suche nach dem nächsten Dopamin-Kick. Wir müssen uns gar nicht selbst verurteilen, wenn wir diesen Impuls spüren. Der Geist ist so programmiert, auf das Außergewöhnliche und Skandalöse zu springen.

Aber wir können achtsam beobachten, was diese Inhalte mit uns machen. Fühlen wir uns danach heller, klarer oder verbundener? Oder hinterlässt dieser digitale Jahrmarkt eher ein schales Gefühl, eine Art „geistigen Kater“?

Die buddhistische Ethik bietet uns hier zwei Qualitäten an, die wie ein innerer Kompass wirken: Selbstachtung und Integrität (Hiri und Ottappa).

  • Selbstachtung heißt: Ich bin mir zu schade dafür, mich an der Erniedrigung anderer zu ergötzen. Ich möchte meinen inneren Raum nicht mit Bildern füllen, die auf Verletzung und Grenzüberschreitung basieren.
  • Integrität heißt: Ich bin mir bewusst, dass auch ein Klick eine Handlung ist. In der digitalen Welt ist Aufmerksamkeit die wichtigste Währung. Wohin ich meinen Blick richte, das verstärke ich.

Es ist eine Form von wahrer Freiheit, einfach weiterzuscrollen und zu sagen: „Nein, das brauche ich nicht. Das ist nicht das, was ich nähren möchte.“ Nicht weil es uns jemand verbietet, sondern weil wir unseren eigenen inneren Frieden höher schätzen als den kurzen Reiz einer Sensation.

Wege aus der Ohnmacht: Die Praxis im Alltag

Wie können wir das nun ganz praktisch leben? Ein 10-Minuten-Artikel ist schön, aber entscheidend ist der Moment, in dem der Daumen über dem Bildschirm schwebt. Hier sind einige Wege, wie wir Achtsamkeit in unseren digitalen Alltag integrieren können:

1. Die Atem-Pause (Das heilige Innehalten)

Bevor du etwas teilst oder kommentierst – egal wie wichtig oder „richtig“ es scheint –, atme dreimal tief durch. Spüre in deinen Körper: Wo sitzt die Energie gerade? Ist da Enge im Hals? Hitze im Kopf? Wenn du aus einem Zustand der Aufregung handelst, fütterst du nur den Algorithmus der Wut. Warte, bis die erste Welle abgeklungen ist. Ein Kommentar, der aus Klarheit geschrieben wurde, hat eine ganz andere Kraft als einer, der aus dem Affekt geschleudert wurde.

2. Quellen-Hygiene als Akt der Selbstliebe

Wir glauben oft, wir müssten über jedes Detail informiert sein, um „politisch wach“ zu sein. Aber es gibt eine Grenze, an der Information in Überwältigung umschlägt. Du musst nicht jedes Video aus Minnesota gesehen haben, um das Unrecht zu verstehen. Schütze deinen Geist wie einen kostbaren Garten. Es ist kein Verrat an den Opfern, wenn du dich entscheidest, eine Nachricht nicht zu konsumieren, die dich nur in die Lähmung treibt. Wahre Hilfe entsteht aus Kraft, nicht aus Erschöpfung.

3. Das Menschliche hinter dem Avatar suchen

Wenn du merkst, dass du anfängst, eine Gruppe von Menschen pauschal abzuwerten – egal auf welcher Seite sie stehen –, halte kurz inne. Suche nach dem Menschen hinter dem Bild. Erinnere dich daran, dass jeder dieser Menschen ein Leben hat, Ängste spürt und – genau wie du – versucht, Leid zu vermeiden. Das entschuldigt nichts, aber es nimmt dem Hass den Treibstoff. Es macht dich frei.

4. Bewusster Konsum statt Autopilot

Frage dich öfter mal beim Scrollen: „Wie fühle ich mich gerade? Was macht dieser Post mit mir?“ Wenn du merkst, dass deine Stimmung sinkt, ist es Zeit für das „digitale Fasten“. Leg das Handy weg. Schau aus dem Fenster. Spüre den Boden unter deinen Füßen. Die reale Welt findet nicht auf dem Bildschirm statt.

Ein Netz aus Mitgefühl weben

Soziale Medien müssen kein Ort der Gifte sein. Sie sind das, was wir daraus machen – mit jedem Klick, jedem Wort und jedem Innehalten. Wir können uns entscheiden, heilsame Informationen zu teilen, Trost zu spenden oder einfach durch unser Schweigen den Lärm ein wenig zu drosseln.

Indem wir mit ein bisschen mehr Herzenswärme durch unseren Feed navigieren, verändern wir vielleicht nicht sofort die großen politischen Konflikte. Aber wir verändern die Welt in uns selbst. Und wer weiß? Vielleicht ist ein friedlicher Kommentar, ein mitfühlendes Innehalten oder ein Wort der Wertschätzung genau der Funke, der auch bei jemand anderem die Wut ein kleines bisschen abkühlen lässt.

Wir sind dem Sog nicht hilflos ausgeliefert. Der Dharma zeigt uns, dass wir die Macht über unsere Aufmerksamkeit haben. Nutzen wir sie weise. Für unseren Frieden und den Frieden in der Welt.